Formulieren ist Denken: Was KI im Führungsprozess übernehmen darf

Drei Tage am Kartentisch – ein Quereinsteiger im Aufbauseminar Taktik

Ein Physiker und KI-Stratege aus der Industrie lernt als Reservist den taktischen Führungsprozess von Grund auf. Er findet ein Handwerk vor, das präziser geführt wird als fast jeder Geschäftsprozess, den er kennt. Und er nimmt eine klare Antwort auf die Frage mit, was eine Maschine daran übernehmen darf.

Kein Bauchgefühl, sondern Handwerk

Seit mehr als 25 Jahren treffe ich in der Industrie Entscheidungen unter Unsicherheit. Heute verantworte ich die KI-Strategie eines Spezialchemie-Unternehmens. Ich glaubte zu wissen, wie Lagebeurteilung und Entschluss funktionieren.

Im September 2026 saß ich drei Tage in Nienburg am Kartentisch: im Aufbauseminar Taktik I des Arbeitskreises der Taktik- und Logistiklehrer im Reservistenverband. Das Seminar richtet sich an Reserveoffiziere, Offizieranwärter und Unteroffiziere mit Portepee. Ich durfte als Quereinsteiger teilnehmen – eine Ausnahme, die ich als Vertrauensvorschuss verstanden habe.

Vorbereitet hatte ich mich mit der Fernaufgabe, dem Reibert und langen Listen von Abkürzungen und militärischen Symbolen.

Mit spürbarer Anspannung stehe ich dann vor der ausgebreiteten Lagekarte und versuche, die Überlegungen meiner Arbeitsgruppe geordnet vorzutragen. Der Taktiklehrer lässt mich kaum drei Sätze sprechen, bevor er beim Wortlaut einhakt: „‚Zeitlich begrenzt‘ ist ein Begriff aus der Verzögerung – wir verteidigen hier!“ In der Stille des Raumes korrigiere ich hastig die Formulierung auf meinem Spickzettel. In diesem Moment begreife ich, dass Taktik vor allem eine glasklare, unmissverständliche Sprache verlangt. Trotzdem verstolpere ich mich noch zweimal.

Was ich in diesen drei Tagen vorfand, hat mit Intuition wenig zu tun. Taktik auf Bataillonsebene ist ein arbeitsteiliges Handwerk: feste Abfolge, feste Sprache und eine Uhr, die immer gegen den Stab läuft.

Vom Auftrag zum Befehl

Am Anfang steht der Befehl der übergeordneten Führung. Der Stab nimmt ihn auseinander: Was ist die Absicht der höheren Führung? Was ist die wesentliche Leistung, die der eigene Verband dazu beitragen muss? Welche Auflagen gelten? Parallel entsteht der Zeitplan – rückwärts gerechnet von dem Zeitpunkt, zu dem die Truppe bereit sein muss.

Dann folgt die Beurteilung der Lage. Das Gelände wird in einem festen Dreischritt bearbeitet: ansprechen, beurteilen, folgern. Der Feind wird beurteilt, das eigene Leistungsvermögen erfasst, die Kräfte werden verglichen.

Eine Unterscheidung aus dieser Phase halte ich für besonders wichtig. Das Zählen von Stärken und Fähigkeiten sagt, was eine Kompanie hat. Der Einsatzwert sagt, was sie kann – und den beurteilt nur der Führer, der seine Truppe kennt.

Aus den Möglichkeiten des Feindes und den eigenen Möglichkeiten entsteht durch Abwägen der Entschluss. Er wird zum Befehl: Truppeneinteilung, Operationsplan, Einzelaufträge, mündliche Befehlsausgabe. Hinzu kommt die Abstimmung von Sperren, Feuer und Bewegung, der taktische Dreiklang.

Danach ist der Prozess nicht zu Ende. Der Gefechtsstand verfolgt die Lage, kontrolliert die Umsetzung und steuert nach. Ich habe während des Seminars mitgeschrieben – nicht die Lage, sondern den Prozess. Am Ende standen über 20 Tätigkeiten auf meiner Liste, vom Befehlsempfang bis zur Lageverfolgung.

Was den Unterschied macht

Drei Merkmale dieses Handwerks unterscheiden es von dem, was ich aus Unternehmen kenne.

  1. Sprache: Ein Befehl folgt einem festen Schema, jeder Begriff hat eine festgelegte Bedeutung. Ungenaue Formulierungen wurden im Seminar unerbittlich korrigiert. Das ist keine Bürokratie, sondern Schutz vor Missverständnissen, wenn es schnell gehen muss.
  2. Zeit: Sie ist die knappste Ressource des gesamten Prozesses. Ein Stab, der zu lange plant, nimmt der Truppe die Zeit zur Vorbereitung. Deshalb wird mit Zeitplan gearbeitet und nicht bis zur perfekten Lösung.
  3. Verantwortung: Der Stab arbeitet zu, den Entschluss fasst einer. Und weil nach Auftragstaktik geführt wird, muss jeder Führer die Absicht der übergeordneten Führung so verstanden haben, dass er selbstständig in ihrem Sinne handeln kann.

In der Industrie habe ich kaum einen Geschäftsprozess gesehen, der so klar strukturiert, sprachlich so diszipliniert und so gut dokumentiert ist.

Und die Künstliche Intelligenz?

Als KI-Praktiker habe ich meine ca. 25 Tätigkeiten anschließend sortiert. Sie zerfallen in zwei Arbeitsformen, und die Trennlinie verläuft quer durch den Prozess.

Die erste Form ist Erfassen, Rechnen und Formulieren nach Schema: Zeitplan, Stärkeübersichten, Kräftevergleich, Befehlsentwürfe, Meldungen. Hier kann Technik den Stab entlasten. Vieles davon braucht kein Sprachmodell, sondern geprüfte Rechenwerkzeuge, deren Ergebnis der Führer nachrechnen kann.

Die zweite Form ist Urteilen, Entscheiden und Führen: den Auftrag verstehen, den Einsatzwert der Truppe bewerten, den Entschluss fassen, den Befehl vor den Unterführern ausgeben. Das gehört nicht in die Hand einer Maschine. Nicht weil die Technik zu schlecht wäre, sondern weil hier die Verantwortung sitzt.

Eine Einsicht kam mir erst beim eigenen Üben: Formulieren ist Denken. Wer die Beurteilung der Lage nicht selbst in Worte fasst, hat sie nicht durchdrungen. Ein Assistent, der dem Führer diese Arbeit abnimmt, entlastet ihn nicht, er schwächt ihn.

Dazu kommt eine praktische Grenze. Im Gefecht ist das Netz gestört oder weg. Wer Assistenzsysteme einführt, muss das Arbeiten ohne sie weiter üben – so wie neben dem Navigationsgerät weiter mit Karte und Kompass ausgebildet wird.

Was ich mitnehme

Ich bin nach Nienburg gefahren, um den Führungsprozess zu lernen und im Gegenzug die Sicht eines KI-Praktikers anzubieten. Zurückgekommen bin ich mit Respekt vor einem Handwerk, das man nur durch Üben beherrscht.

Und mit einer Beobachtung, die über die Truppe hinausreicht. In Unternehmen wird viel über KI gesprochen, ohne dass genau beschrieben wäre, welche Arbeit eigentlich getan wird. Die Truppe hat diese Beschreibung längst. Wer so genau weiß, was er tut, kann auch entscheiden, was er abgibt – und was Sache des Führers bleibt.

Kameradinnen und Kameraden, die führen wollen, kann ich die Seminare des Arbeitskreises Taktik nur empfehlen. Für mich steht als Nächstes das Grundlagenseminar an.


Zum Autor: Dr. Harry Zumaqué ist promovierter Physiker und verantwortet bei einem deutschen Spezialchemie-Unternehmen die KI-Strategie und die Neugeschäftsentwicklung. Er ist Reservist der Bundeswehr. Der Beitrag gibt ausschließlich seine persönliche Auffassung wieder.

Dank: Der Autor dankt dem Arbeitskreis der Taktik- und Logistiklehrer im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. für die Aufnahme in das Aufbauseminar Taktik I sowie Oberstleutnant a. D. Hendrik Guttau für die fachliche Begleitung. Der Beitrag stützt sich ausschließlich auf eigene, nicht eingestufte Aufzeichnungen; Inhalte der Seminarunterlagen werden nicht wiedergegeben.

Taktik-Grundlagenseminar der Landesgruppe NRW 2026: Anspruchsvolle Entscheidungen im Erfurter Becken

AUGUSTDORF – Vom 25. bis 27. September 2026 führte die Landesgruppe Nordrhein-Westfalen des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e. V. ein Taktik-Grundlagenseminar in der GFM-Rommel Kaserne durch. Die 24 Teilnehmenden – vom Gefreiten bis zum Stabsarzt – nutzten das Wochenende, um sich intensiv mit den Grundlagen militärischer Entscheidungsfindung auf Bataillonsebene auseinanderzusetzen. Das spätsommerliche Wetter bot dabei zwar beste Rahmenbedingungen, doch angesichts des anspruchsvollen und dicht gepackten Ausbildungsprogramms blieb wenig Gelegenheit, sich davon ablenken zu lassen.

Das Themenspektrum reichte von militärischen Symbolen und deren Anwendung über die strukturierte Bearbeitung eines neuen Auftrags bis hin zur Entwicklung eines Entschlusses als Grundlage für den anschließenden Operationsplan. Die Inhalte stießen auf großes Interesse. Die rege Beteiligung und die zahlreichen Beiträge aus dem Teilnehmerkreis zeigten, wie engagiert sich die Reservistinnen und Reservisten mit den taktischen Fragestellungen auseinandersetzten.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der praktischen Anwendung des vermittelten Wissens. Theorie und praktische Übungen wechselten sich kontinuierlich ab und forderten die Teilnehmenden auch mental. Für viele war die taktische Planung auf Bataillonsebene Neuland. Umso wichtiger war das strukturierte Vorgehen, die nachvollziehbare Begründung eigener Entscheidungen und die gemeinsame Auswertung der erarbeiteten Lösungen.

Die Ausbilder, OTL d.R. Dr. Vahl und OTL Koch, verstanden es, die komplexen Inhalte anschaulich und praxisnah zu vermitteln. Mit abwechslungsreichen Ausbildungsabschnitten und einer durchgehend hohen Aufmerksamkeit im Teilnehmerkreis gelang es ihnen, die anspruchsvolle Materie verständlich aufzubereiten und die Teilnehmenden aktiv einzubinden. Als Anerkennung für diese Ausbildungsleistung verlieh der stellvertretende Landesvorsitzende und Beauftragte für Militärische Ausbildung, Oberstleutnant der Reserve Adrian Korf den Ausbildern den Coin der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen.

Neben der fachlichen Weiterbildung bot das Seminar auch Gelegenheit zum persönlichen Austausch und zur Vernetzung. Die Gespräche während der Pausen und am Abend machten deutlich, wie unterschiedlich die individuellen Wege in die Reserve verlaufen können. Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere Erfahrungen und Herausforderungen auf dem Weg zu einer Beorderung oder zu einem Reservistendienst. Dass das Interesse an der Reserve keine nationalen Grenzen kennt, zeigte auch der Teilnehmer mit der weitesten Anreise, der eigens aus Finnland angereist war. Auch die aktive Soldatin im Teilnehmerkreis brachte ihre Perspektive in den Austausch ein.

Das Taktik-Grundlagenseminar verband damit fachliche Weiterbildung, praktische Anwendung und kameradschaftlichen Austausch. Es leistete einen wichtigen Beitrag dazu, vorhandene Kenntnisse zu vertiefen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und die Vernetzung innerhalb der Reserve zu stärken.

Hptm d.R. C. Efstratiadis

Lage auf der Karte, Funk im Ohr: Führung im laufenden Gefecht

PzGrenBtl 514, Einbruch bei der 2. Kp

Vorspann (Teaser)

Kein Plan überlebt die erste Feindberührung – eine alte militärische Weisheit, die im Aufbauseminar III an der Sanitätsakademie in München lebendige Realität wurde. Nach den Grundlagen und der vorbereitenden Planung ging es für die Reservisten nun in die dynamische Phase: Die Entscheidungsfindung in der laufenden Operation (EF lfd OpFü). Ein Wochenende zwischen Lagediktaten, Gefechtsstandwand, dem Einsatz der Reserve und schnellen Gefechtsbefehlen nach FNAKI – inklusive eines realen Stromausfalls, der den Wert des analogen Führungshandwerks schlagartig bewies. Ein Erfahrungsbericht unter Wahrung sämtlicher OpSec-Bestimmungen.

Freitag: Rückkehr an die Gefechtsstandwand

Freitag, 25. September 2026. Zum dritten Mal in diesem Jahr führt mich der Weg aus Zürich über 350 Kilometer Autobahn nach München zur Sanitätsakademie der Bundeswehr. Die Routine bei der Ankunft sitzt, die Gesichter im Hörsaal 0.10 sind mittlerweile vertraut. Doch die Marschrichtung für das Wochenende ist eine völlig neue: Das Aufbauseminar III SÜD widmet sich nicht mehr der ausgedehnten Planung am grünen Tisch, sondern der Zerreißprobe im laufenden Gefecht.

Schon am Freitagabend machen die erfahrenen Dozenten – Oberst d.R. Dr. Andreas Grandel, Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer und Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf – deutlich, worauf es ankommt: Führungsorganisation und Durchhaltefähigkeit. Wir lernen, wie ein Hauptgefechtsstand (GefStd H) staffelweise arbeitet, warum ein ständiger Gefechsstandwechsel aufgrund der Bedrohungslage in kurzen Zeitintervallen überlebenswichtig ist und welche Schlüsselrolle der Unterstützungsgefechtsstand (GefStd U) spielt. Bei den taktischen Gesprächen nach Einnahme der Abendverpflegung ab 21:15 Uhr ist die Vorfreude spürbar – aber auch der Respekt vor der Dynamik, die uns am Samstag erwarten wird.

Stromausfall in der Kaserne, LVU vor dem Gebäude

Samstag Vormittag: Das Handwerk der Gefechtsstandwand – und der Ernstfall im Hörsaal

Nach dem Frühstück um 07:30 Uhr beginnt der Samstag mit militärischer Präzision. Um 08:15 Uhr erfolgt die Auffrischung und der einleitende Lagevortrag zur Unterrichtung (LVU). Ab 09:00 Uhr steht das elementare Handwerkszeug im Mittelpunkt: die Gestaltung der Gefechtsstandwand anhand der vorbereiteten Übersichten und Karten.

Wir zeichnen Bezugspunkte, berechnen die Verfügbarkeit nach Raum und Zeit und bereiten die Lagekarten analog vor. Und wie schnell aus theoretischen Annahmen gelebte Realität wird, erfahren wir noch am selben Vormittag am eigenen Leib: Im Lehrsaalgebäude gehen sämtliche Lichter aus – Stromausfall über mehrere Stunden!

Keine Bildschirme, keine Beamer, keine Steckdosen. Was in manchem zivilen Bürobetrieb zum sofortigen Stillstand führt, wird hier zur besten denkbaren Ausbildungslage. Kurzerhand packen wir unsere Kartenbretter, Folien und Fettstifte und verlegen nach draußen ins Freie. Unter freiem Himmel, im natürlichen Tageslicht, nehmen wir die Lagediktate auf und führen die Karten fort.

Genau dieser Moment brennt sich ein: Moderne Führungsinformationssysteme und Computer sind wertvoll, aber im Ernstfall – unter elektronischem Kampf, Stromausfall oder Ausfall digitaler Netze – entscheidet das analoge Handwerk. Wer die militärischen Symbole nicht blind im Schlaf auf die Folie zeichnen und aus einem Funkdiktat mit Fettstift ein klares Lagebild zimmern kann, verliert im Gefecht die Orientierung.

Hier wird der fundamentale Unterschied zwischen Lagedarstellung und Lagefeststellung greifbar:

  • Die Lagedarstellung ist das saubere, wertfreie Eintragen eingehender Meldungen.
  • Die Lagefeststellung ist die unmittelbare Bewertung für/von den/dem Kommandeur.


Die Theorie leitet über in die Praxis – und dann prasseln die Funkmeldungen im Lagediktate im Minutentakt auf uns ein. Funkmeldungen überschlagen sich:

  • „Feindliche Panzerspitzen bei Koordinate XY erkannt!“
    • „Eigene Kompanie meldet Ausfall von Gefechtsfahrzeugen, Kampfkraft sinkt auf 50 Prozent!“
    • „Feind durchbricht Verteidigungslinie und gewinnt Brückenkopf!“

Samstag Nachmittag: „Feind bricht ein!“ – Entscheidungsfindung unter Zeitdruck

Jetzt greift die Entscheidungsfindung in der laufenden Operation (EF lfd OpFü). Für stundenlange Stabsarbeit ist keine Zeit mehr. Der Kommandeur muss blitzschnell zwei Fragen beantworten: Liegt eine grundlegende Lageänderung vor, die ein Abweichen vom bisherigen Auftrag erzwingt? Oder besteht ein Handlungsbedarf, der durch eine sofortige Anpassung bereinigt werden muss?

In meinen Notizen glüht der Stift: Feindstärken von mechanisierten Regimentern mit T-80 und BMP-3 müssen in Sekunden gegen eigene Kräfte abgewogen werden. 10 bis 40 Minuten Vorwarnzeit – mehr bleibt oft nicht, bevor der Einbruch zur kritischen Situation für das  gesamte BPzGrenBtl und ggf. bei Nichterfüllung der wesentlichen Leistung sich zu einer  Krise für die übergeordnete Führung auswächst.

Leitsätze, die sich einbrennen

In dieser Phase bewähren sich die goldenen Leitsätze der Verteidigung, die uns die Ausbilder mit Nachdruck vermitteln:

  • „Nicht am VRV kleben!“ Der Vordere Rand der Verteidigung ist keine starre Linie. Wer sich festkrallt, wird zerschlagen.
  • „PzTrn lieben den Hinterhang!“ Gedeckte Aufstellung, überraschendes Flankenfeuer und das Ausnutzen des Geländes sind wirksamer als frontales Halten.
  • „Reserven sind keine Konserven – sie sind rechtzeitig einzusetzen!“

Genau hier fällt die Entscheidung: Setzen wir die Reserve zum Auffangen ein, oder schlagen wir im Gegenangriff (CATK) nach dem Prinzip „Hammer und Amboss“ in die ungeschützte Flanke des vorgeprellten Feindes? Jeder Entschluss ist ein Ringen um die Initiative. Wer zögert, wird geführt; wer handelt, zwingt dem Gegner seinen Willen auf. Was ist die wesentliche Leistung, die wir aus den vorherigen Seminaren geschlossen haben? Welche Vorgehensweise ist die, die uns die Wesentliche Leistung erfüllen lässt?

 

Sonntag: Der Funkspruch entscheidet – Befehlsgebung nach FNAKI

Am Sonntagmorgen um 08:15 Uhr treten die Lehrgangsteilnehmer erneut als Bataillonskommandeur vor den Brigadekommandeur zum LVU an. Doch die eigentliche Feuertaufe folgt direkt im Anschluss: die mündliche Befehlsgebung unter Gefechtsbedingungen.

In der laufenden Operation gibt es keine mehrseitigen schriftlichen Operationsbefehle. Es gilt das Merkwort FNAKI:

  • F – Feind (aktuelle Lage und Absicht)
  • N – Nachbarn (Lage links und rechts)
  • A – Eigene Absicht (der klare Entschluss!)
  • K – Kampfaufträge an die Kompanien
  • I – Ich (eigener Standort des Kommandeurs)

Kurz, unmissverständlich, präzise über Funk abgesetzt. Vor der Gruppe diesen Befehl fehlerfrei, ruhig und mit Führungsanspruch zu formulieren, während die Lagekarte hinter einem brennt, fordert jeden Einzelnen. Hier trennt sich theoretisches Wissen von praktischer Führungskompetenz.

Gegen 11:00 Uhr endet der Lehrgang mit der Schlussbesprechung und der Aushändigung des Lehrgangsnachweises durch Oberstleutnant a.D. Baumer und Oberstleutnant a.D. Bettendorf.

Fazit: Gewappnet für das Gefecht von heute

Als ich am Sonntagmittag die Heimreise nach Zürich antrete, ist der Kopf voll von taktischen Lagen, Ausweichstellungen und Funkmeldeschemata.

Das Aufbauseminar III hat die Brücke geschlagen: von der Methodik des Planens zur Härte der Umsetzung. Es hat gezeigt, dass moderne Landes- und Bündnisverteidigung im NATO-Rahmen absolute geistige Beweglichkeit, mathematische Nüchternheit und Entschlusskraft erfordert. Die Thematik ist verfestigt, die Klarheit in den Gedanken gefestigt.

Beim Blick zurück auf dieses Ausbildungsjahr wird einem jedoch noch etwas anderes bewusst: Mindestens 56 Stunden reine Lehrgangszeit im Hörsaal liegen nun hinter uns – vom Grundlagenseminar im Januar über das Aufbauseminar I im April bis zum Abschluss des Aufbauseminars III. Dazu kommen unzählige Stunden für intensive Vor- und Nachbereitung sowie tausende Kilometer Anreise quer durch die Bundesrepublik und über Grenzen hinweg.

Diese Zeit gibt einem niemand zurück. Die Fahrstrecken werden geringfügig entschädigt, in der Truppenküche gibt es Truppenverpflegung – doch der eigentliche, gewaltige Aufwand findet komplett ehrenamtlich neben Beruf, Familie und zivilem Alltag statt; ob von den Teilnehmern, wie auch von den Ausbildern. Warum tun wir uns das an? Weil echte Verteidigungsbereitschaft kein Lippenbekenntnis ist. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, ihre freie Zeit in den Dienst unseres Landes zu stellen, um im Ernstfall führungsfähig zu sein.

Für mich persönlich war dieses Wochenende eine erneute Bestätigung meines Weges. Mein Leitsatz „Führen durch Wissen“ hat durch die dynamische Gefechtsführung ein weiteres, entscheidendes Fundament erhalten. Wer später als Reserveoffizier Verantwortung für Mensch und Material tragen will, muss die Dynamik des Gefechtsfeldes im Innersten verstanden haben – und in der Lage sein, auch im größten Lärm klare Befehle zu geben.

Ich fühle mich gut vorbereitet auf den Abschluss der modularen Ausbildungsreihe; der SIRA-Durchgang im Ausbildungsstützpunkt SIRA in HAMMELBURG vom 16. – 23.04.2027.

In diesem Jahr und im I. Quartal werden durch den Verband der Reservisten / Arbeitskreis Taktik noch weitere Seminare angeboten; ab November 2026 auf der Homepage des Arbeitskreises Taktik, Taktik-Logistikkehrer.de, einsehbar.

Ein herzlicher Dank gilt erneut den engagierten Dozenten des Arbeitskreises Taktik- und Logistiklehrer für ein forderndes, lehrreiches und kameradschaftliches Wochenende!

                                                                                                                                       Fw d.R. Nikolaij Lankoff

ERFURTER BECKEN, PzGrenBtl 514, Planung der Verteidigung nach Erhalt eines neuen Auftrages

AUFBAUSEMINAR I vom 10.07. – 12.07.2026 in MÜNCHEN

Ein anspruchsvolles und intensives Ausbildungswochenende liegt hinter den Teilnehmern des Taktikaufbauseminars I. Der Reservistenverband hatte für das Wochenende vom 10.07. bis 12.07.2026 an die Sanitätsakademie der Bundeswehr eingeladen.
Im Mittelpunkt des Seminars stand das Panzergrenadierbataillon 514 in der fiktiven Lage „Verteidigung des Thüringer Beckens“.
Insgesamt 25 Reservisten aller Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche folgten der Einladung des Verbandes nach München, um ihre taktischen Fähigkeiten auf Bataillonsebene zu vertiefen. Neben deutschen Reservisten nahm auch ein Kamerad der italienischen Streitkräfte teil.
Die Planung und Vorbereitung im Vorfeld erfolgte durch die Geschäftsstelle Murnau durch Frau Ines Kreibich und vor Ort vertretungsweise durch Herrn Stabsfeldwebel d. R. Leonhard Edelhäuser. Beiden sei an dieser Stelle für die hervorragende Organisation gedankt.

Teilnehmer des Taktikaufbauseminars I an der Sanitätsakademie in München

Die hohe Qualität der Ausbildung garantierten zwei erfahrene Experten: Als Dozenten fungierten die beiden langjährigen Taktiklehrer Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer und Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf. Mit ihrer umfassenden Erfahrung aus früheren dienstlichen Verwendungen – unter anderem in internationalen Stäben und Auslandseinsätzen – brachten sie eine außerordentliche Expertise in den Hörsaal ein und gaben wertvolle Einblicke in die Praxis.

Das Taktikaufbauseminar I baut auf dem Taktikgrundlagenseminar auf, das alle Teilnehmer bereits absolviert hatten. Das Taktikgrundlagenseminar führt anhand einer speziellen Lage in die Grundlagen der Taktik ein, wie z.B. taktische Symbole sowie das Lesen und Führen von Lagekarten. Im Fokus des Grundlagenseminars stehen eine Einführung in den Führungsprozess der Landstreitkräfte mit den Prozessabschnitten Lagefeststellung, Entscheidungsfindung, Planung und Befehlsgebung, die Grundsätze des Führungsverhaltens, die Auftragstaktik, das Führen von Kräften in Landoperationen nach dem Prinzip der Operation verbundener Kräfte und das Rollenverständnis des militärischen Führers.

Das zeitlich anspruchsvolle Programm des Taktikaufbauseminars I dagegen war an folgenden Lernzielen ausgerichtet:
Nach dem Abschluss des Ausbildungswochenendes kennen die Teilnehmer die Grundsätze der Führung im Gefecht in der defensiven Operationsart Verteidigung und können den militärischen Entscheidungsprozess nach Erhalt eines neuen Auftrages in der Rolle des Kommandeurs eines verstärkten Panzertruppenbataillons (vstk PzBtl/PzGrenBtl) anwenden.

Sie können den Entschluss als Schwerpunkt der Lage formulieren.

Die Teilnehmer können einen vorläufigen Operationsplan für den Einsatz ihrer Kräfte erarbeiten und die zutreffenden militärischen Symbole korrekt anwenden und können den Operationsbefehl erstellen.

Dabei sollen sie einen Lagevortrag zur Unterrichtung (LVU) ausarbeiten und vortragen können, um ihre Absicht, die Vorgehensweise und den Ansatz der Kräfte zu verdeutlichen.

Vorab wurden ein Link verschickt zum Zugriff auf Kursunterlagen, um im Selbststudium die im Grundlagenkurs gelernten Inhalte aufzufrischen und sich in die Rahmenlage und die Grundlagen der Verteidigung einarbeiten zu können.
Nachdem vorher alle Verwaltungsangelegenheiten und das Beziehen der Unterkunft erledigt wurden, begann das Seminar am Freitag um 18.00 Uhr pünktlich mit einer Einweisung ins Aufbauseminar, einer Vorstellungsrunde und einer Einweisung in die Taktikseminare im Rahmen des Lehrkonzeptes „Haus der Taktik“ der Taktik- und Logistiklehrer im Reservistenverband.
Nach einer Pause erfolgte dann die Einweisung in die Rahmenlage und in die Grundlagen der Verteidigung BLAU.

Um die Seminarziele zu erreichen, wurden am Samstag und Sonntag folgende Teilschritte der Entscheidungsfindung im Führungsprozess von den Dozenten im Vortrag vorgestellt und anschließend in 5 Gruppen praktisch bearbeitet und durch die Gruppen präsentiert:
Auswertung des Auftrages (AdA) mit der Identifikation der wesentlichen Leistung und Formulierung der Prüffragen, Beurteilung der Lage (BdL) mit Beurteilung der Einflussfaktoren (Geofaktoren, Zivile Lage, Feindliche Kräfte, Eigene Kräfte). Die Analyse der wesentlichen Einflussfaktoren – insbesondere Gelände, Feindlage und eigene Lage – basierte konsequent auf dem Schema „Ansprechen, Beurteilen, Folgern“. Dieses Verfahren erlaubt es,wechselseitige taktische Vor- und Nachteile schnell herauszuarbeiten. Ziel war es, daraus optimale Wechsel- und Stellungsräume abzuleiten: sowohl allgemein für gepanzerte Kampftruppen als auch spezifisch für das verstärkte Panzergrenadierbataillon 514.
Feststellen der Möglichkeiten eigenen Handelns Auf der Grundlage der erarbeiteten Ergebnisse erfolgte dann die Ermittlung der Möglichkeiten des eigenen Handelns. Diese wurden als Prinzipskizzen und in Entschlussform präsentiert.
Nach dem Kräfte- und Fähigkeitsvergleich von eigenen und Feindkräften wurden Vor- und Nachteile der Handlungsmöglichkeiten in der Bewertung und dem Abwägen der Möglichkeiten des eigenen Handelns gegenübergestellt und präsentiert.

Am Sonntagvormittag wurde dann von den einzelnen Gruppen der Entschluss in der gesamten Gruppe vorgestellt.

Präsentation des Entschlusses

Besonderen Wert legten die Dozenten auf die korrekte Form und Einübung eines Lagevortrages zur Unterrichtung und die korrekte Entschlussform.
Der Vormittag wurde abgeschlossen durch den Ausblick auf die weiteren Aufbauseminare II (Geländeerkundung) und III (Führung im Gefecht) als Voraussetzung zur Teilnahme an der siebentägigen Simulationsübung im SIRA-System (Simulationssystem für Rahmenübungen) in HAMMELBURG vom 16.04.-23.04.2027. Dort können die Reservistinnen und Reservisten diese taktische Lage mit den Phasen des Führungsprozesses in einer computergestützten Gefechtssimulation unter realistischen Bedingungen einschließlich einer Geländebesprechung im Übungsraum üben. Ziel ist es, Handlungssicherheit bei Führungsprozessen von Zug- bis auf Bataillonsebene zu erreichen.

Insgesamt war es für alle ein herausforderndes Seminar und ein weiterer Schritt zum Höhepunkt der Ausbildung SIRA. Den Dozenten Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer und Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf sei an dieser Stelle für ihren großartigen und engagierten Einsatz gedankt.

Interessenten aus den Dienstgradgruppen der Offiziere und Unteroffiziere mit Portepee in herausgehobener Dienststellung (Kompanie-Ebene, Zugführer, Kompanietruppführer, ab Bataillons-Ebene als S1- bis S6-Feldwebel) finden unter www.taktik-logistiklehrer.de die aktuellen Termine der kommenden Seminare und sind aufgerufen sich anzumelden und mitzumachen.


Autor: Stabsarzt d.R. Prof. Dr. Matthias Setzer

Von der Auswertung des Auftrages zum Befehl Nr. 1 für die Verteidigung

Vorspann (Teaser)

Wer führen will, muss den Kampf der verbundenen Waffen nicht nur verstehen, sondern planen können. Nach den Grundlagen folgt die Kür: Das Aufbauseminar I an der Sanitätsakademie in München. Ein Wochenende im Zeichen von Zeitdruck, Feindaufklärung und der Frage, wie man aus einem unübersichtlichen Lagebild einen klaren Operationsbefehl für ein Bataillon formt. Ein Erfahrungsbericht, der streng den Vorgaben der OpSec (Operational Security / Sicherheit der Operationen) folgt – weshalb bewusst nicht alle taktischen Details wiedergegeben werden.

Die Rückkehr nach München: Die Schonzeit ist vorbei

Es ist Freitagabend, der 10. April 2026. Wieder liegen 350 Kilometer von Zürich nach München hinter mir. Als ich Gebäude 2 in der Sanitätsakademie der Bundeswehr betrete, ist die Atmosphäre eine andere als noch beim Grundlagenseminar. Man kennt sich, man grüßt sich – und man weiß, dass dieses Wochenende keine reine Theorieveranstaltung wird.

Wir sind hier für das „Aufbauseminar I SÜD“. Das Thema auf dem Dienstplan klingt nüchtern: Planung des Einsatzes eines Verbandes in der Verteidigung. Doch in der Sprache der Truppenführung bedeutet das: Stabsarbeit unter Hochdruck. Dieses Mal geht es nicht mehr nur darum, militärische Symbole auf Bataillons- oder Brigadeebene zu lesen. Es geht darum, sie selbst auf die Karte zu bringen und Leben in sie einzuhauchen.

Pünktlich um 18:00 Uhr im Hörsaal 0.10 machen die Dozenten, Oberst d.R. Dr. Grandel, Oberstleutnant a.D. Baumer und Oberstleutnant a.D. Bettendorf, klar: Der Entschluss eines Kommandeurs ist nur so gut wie der Stab, der ihm zuarbeitet. Und genau dieser Stab sind an diesem Wochenende wir. Als wir um 21:15 Uhr in den Festsaal zum Abendessen verlegen, drehen sich die taktischen Gespräche bereits voll um die uns zugewiesene Rahmenlage. Der erste Abend zeigt: Wie schon beim Grundlagenseminar wird die Ausbildung von hoch kompetenten Dozenten mit langjähriger Erfahrung durchgeführt, die es mit fachlichem Können und Humor immer wieder schaffen, die Kameraden auf die richtige „geistige Autobahn“ zu senden.

Samstag: Die harte Mathematik des Krieges

Am Samstagmorgen, nach dem obligatorischen Frühstück in der Truppenküche, beginnt um 08:15 Uhr der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Ein kurzer Lagevortrag zur Unterrichtung nach Erhalt eines neuen Auftrages bringt uns auf den aktuellen Stand. Die Herausforderung lautet: Ef nEnA – die Entscheidungsfindung nach Erhalt eines neuen Auftrags.

Unser Szenario reißt uns aus der Theorie direkt in die strategische Realität der Bündnisverteidigung: Wir agieren im Rahmen der NATO, um den Übergriff eines Aggressors auf einen Verbündeten abzuwehren. Konkret schlüpfen wir in die Rolle des Panzergrenadierbataillons 514 (PzGrenBtl 514). Unser Auftrag: Das Bataillon in der Verteidigung zu führen.

Doch die Lage ist hochkomplex – unser Verband ist „verstärkt und vermindert“. Das bedeutet, wir kämpfen nicht in unserer Friedensgliederung. Wir geben eigene Kompanien ab, erhalten dafür aber fremde Kräfte unterstellt. Ein organisatorischer Kraftakt, bevor überhaupt der erste Schuss fällt. Bis zum Mittagessen um 11:20 Uhr zwingt uns der Führungsprozess in ein enges Korsett aus Logik und Zeit. Es ist wie ein Trichter, durch den wir uns arbeiten müssen:

  1. Auswertung des Auftrages (AdA): Was ist die wesentliche Leistung, die von unserem Bataillon erwartet wird? Wenn wir diese Kernforderung in unserem Gefechtsstreifen nicht erfüllen, scheitert die Absicht der übergeordneten Brigade.
  2. Beurteilung der Einflussfaktoren: Hier beginnt die eigentliche intellektuelle Schwerstarbeit. Aus der bedruckten Karte wird plötzlich die reale Geografie von deutschen Ortschaften. Das Gelände diktiert uns unerbittlich, wo wir den Feind überhaupt stoppen können. Der das Gelände durchschneidende Fluss wird vom blauen Strich auf dem Papier zum entscheidenden Panzerhindernis. Ein Geländepunkt wie die „Höhe 203“ ist nicht nur ein Aussichtspunkt, sondern Schlüsselgelände, das wir zwingend behaupten müssen. Selbst scheinbar harmlose zivile Infrastruktur fließt in die Planung ein: Wir müssen großflächige Windparks berücksichtigen, da deren Rotoren Sensoren und Waffensysteme (WaSys) empfindlich stören können.

Der Gegenangriff (CATK): Das Schwert der Verteidigung

Nach der Mittagspause richten wir den Blick auf den Gegner. Ein Lehrfilm zu den Einsatzgrundsätzen des Feindes im Angriff macht deutlich, worauf wir uns einstellen müssen. Taktik ist hier keine Philosophie, sondern harte Mathematik. In meinen Notizen häufen sich die Rechnungen: Wie lange braucht der gegnerische Verband mit seinen T-72 Kampfpanzern und BMP-3 Schützenpanzern für eine bestimmte Strecke? Sprechen wir von 10 bis 40 Minuten oder eher von zwei Stunden? Wo liegt sein Schwerpunkt? Wann beginnt er mit der Auffächerung? Wie viel Panzer, Schützenpanzer und Artillerie hat er dabei?

Wir jonglieren mit den Begriffen der NATO-Verteidigung: Wo befindet sich die FEBA (Forward Edge of Battle Area)? Wo befindet sich die BHL (Battle Handover Line), an der ausweichende eigene beziehungsweise verbündete Truppen aufgenommen werden? Wer nimmt die Truppen auf?

Besonders intensiv diskutieren wir am späten Nachmittag den Einsatz der Reserve. Verteidigung bedeutet im modernen Gefecht nicht, sich einzugraben und abzuwarten. Verteidigung wird beweglich geführt. Wir haben immer den CATK (Counter Attack / Gegenangriff) der Brigade im Hinterkopf. Wo lenken und stauen wir den Feind durch Sperren, um ihn dann im Gegenangriff unserer oder der übergeordneten Reserve in der Flanke zu fassen und zu zerschlagen? Die Abwägung der Möglichkeiten eigenen Handelns fordert uns mental alles ab, bis um 18:00 Uhr der Entschluss steht. Jeder taktische Vorteil erkauft sich ein Risiko an anderer Stelle. Wie hoch sind wohl unsere Verluste bei dem Plan, den Feind aufzuhalten? Auch hier wieder der Gedanke: Unsere Ausbildung kann das Leben von Kameradinnen und Kameraden retten. Wir sind zwar „nur“ die Reserve, aber das Credo lautet unverblümt: „Geben wir uns Mühe!“.

Sonntag: Die Stunde der Wahrheit – Der LVU

Am Sonntag gipfelt die gesamte Stabsarbeit des Wochenendes in der Königsdisziplin: Dem Lagevortrag zur Unterrichtung (LVU). Um 08:15 Uhr tritt ein Kamerad in der Rolle des Kommandeurs PzGrenBtl 514 vor den „Brigadekommandeur“.

Wer den Entschluss gefasst hat, muss ihn auch präsentieren und verteidigen können. Struktur ist hier alles: Auftrag, Feindlage, eigene Lage, eigene Absicht, besondere Führungsprobleme und schließlich die Zusammenfassung. Man steht vor der Lagekarte, präsentiert den eigens entworfenen grafischen Operationsplan und muss auf kritische Nachfragen sofort schlüssige Antworten liefern. Hier zeigt sich, wer die „Gedankenautobahnen“ wirklich verinnerlicht hat und wer sich im Detail verloren hat. Es ist ein Stresstest für Klarheit und Präzision im Denken. Im Anschluss gießen wir den Entschluss noch formal in einen Operationsplan und die Befehlsgebung, bevor der Lehrgang gegen 11:00 Uhr sein Ende findet.

Fazit: Die Basis für die Verantwortung von morgen

Als ich am Sonntagmittag mit der Teilnahmebescheinigung in der Hand die Akademie verlasse, ist die Erschöpfung spürbar, aber die Motivation ungebrochen. Wieder gibt es für dieses Wochenende keine ATN, keinen formellen Karriereschritt auf dem Papier.

Doch für mich als Feldwebel, der das klare Ziel hat, Reserveoffizier zu werden, war dieses Seminar ein entscheidender Katalysator. Mein Credo „Führen durch Wissen“ hat hier seine praktische Anwendung gefunden. Wer in Zukunft Verantwortung übernehmen will – sei es als Kompaniechef oder im Stab eines Bataillons –, der muss das Handwerk von der Pike auf verstehen. Das Seminar hat mir geholfen, über den Tellerrand meiner aktuellen Verwendung zu blicken.

Das Aufbauseminar im „Haus der Taktik“ hat gezeigt: Truppenführung ist ein Handwerk, das man lernen und trainieren kann!

Autor:

Fw d.R. Nikolaj Lankoff

Taktik im Wandel, und doch auf der Höhe der Zeit

Übung im Praxistest: Reservisten planen den Einsatz eines Bataillons mit verschiedenen Kräften.
Foto: Rodenbücher

Ein Lehrgang an der Sanitätsakademie für Reservisten

München, 15. März 2026. 30 Reservisten aus dem gesamten Bundesgebiet haben einen Taktik-Lehrgang an der Sanitätsakademie der Bundeswehr absolviert. Der Reservistenverband hat dieses Seminar mit theoretischen Anteilen (militärische Symbole und Führung im Einsatz) sowie praktischen Übungen realisiert. Einhelliges Feedback der Teilnehmer: „Wir haben sehr viel gelernt.“

Eine fiktive Übungslage – ein Krieg zweier Staaten, die geografisch in tatsächlichen Begebenheiten verortet sind, um auf realen Karten zu arbeiten – diente dabei als Ausgangsbasis. Lage: Eigene Kräfte versuchen zwei Wochen lang, einen Angriff der Gegenseite abzuwehren. Es gelingt, den Angriff zum Stehen zu bringen. Zwei mechanisierte Infanteriebrigaden halten die Stellungen. Der übergeordnete Befehlshaber der NATO beabsichtigt, die Hauptkräfte der gegnerischen Armee zu zerschlagen und durch den Angriff der eigenen Kräfte (also der Bundeswehr) den Status quo wiederherzustellen.

Grundlage der Übung: ein realistisches Szenario mit „realen“ politischen und geografischen Begebenheiten.
Foto: Rodenbücher

Eine Panzergrenadier-Division des Deutschen Heeres ist in dem fiktiven Szenario der NATO unterstellt, um den Einsatz verschiedener Truppenkontingente zu unterstützen. Aufgabe der Lehrgangsteilnehmer ist es nun, von den drei Gefechtsphasen die Phase 2 „Verteidigung“ im Rahmen einer der zwei deutschen Brigaden zu unterstützen und für ein unterstelltes Bataillon Kräfte laut Befehlsgebung auszuplanen.

Vorab erhielten die Reservisten umfangreiches Material, um Symbole, Führungslinien, Stabsorganisation, Führungseinrichtungen und Gefechtsorganisation sowie taktische Aufträge in der Übungslage besser zu verstehen. Nach einer Einführung in die Aufstellung gegnerischer Kräfte – Ausbilder Oberstleutnant Martin Müller, Taktikausbilder der Sanitätsakademie, zog hierzu die Organisation der russischen Streitkräfte heran – lernten die Teilnehmer, den Gefechtsbefehl der Brigade sowie der Bataillone richtig zu lesen und ihre eigenen Aufträge zu verstehen und umzusetzen. Im Fall der Reservisten war dies der Auftrag für das verstärkte Panzergrenadierbataillon 612. Hierzu gehörte auch, den wesentlichen eignen Beitrag zu erkennen: das Auffangen der gegnerischen mechanisierten Brigade im Zuge einer vorgegebenen Linie.

Expertise durch erfahrene Ausbilder: hier im Bild OTL a.D. Manfred Bettendorf vor einer Lagekarte.

Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf lehrte hierzu außerdem die grundsätzlichen Grundlagen des Führungsprozesses. Hierzu gehören Entscheidungsfindung, Planung der Befehlsgebung sowie der zielgerichtete Einsatz von Kräften und Mitteln auch unter Zeitdruck und bei rasch wechselnden Lagen. Mit ihrer großen Expertise aus zahlreichen Verwendungen und Einsatzerfahrungen erwiesen sich die beiden Oberstleutnante durchgehend als ausgewiesene Kenner der Materie, von der die Teilnehmer in hohem Maße profitiert haben, wie sie im Feedback zum Schluss bestätigt haben. Teilnehmer Oberstleutnant Michael Schmidt (Name von der Redaktion geändert), beordert in einer Division des Deutschen Heeres, hat von dem Seminar erwartet, dass er sein grundlegendes Handwerkszeug auffrischen kann: Lernen militärischer Begrifflichkeiten, Kommunikation und Ausdrucksweisen, außerdem wollte er sein militärisch-taktisches Denken in Form des „Entscheidungsprozesses Landstreitkräfte“ vertiefen. Darüber hinaus erwartete er einen Ideen- und Erfahrungsaustausch mit Kameraden.

Können kommt von Machen: Die Reservisten mussten in Kleingruppen auf der Basis eines fiktiven Befehls Kräfte eines Bataillons ausplanen.
Foto: Rodenbücher

„Alle Erwartungen wurden erfüllt“, sagt der Artillerist. Er habe vermittelte Inhalte festigen können und beherrschen gelernt, um den Auftrag als Reservist beim Beorderungstruppenteil bestmöglich erfüllen zu können. Es sei gelungen, eigene Fähigkeiten zur Einschätzung militärischer Lagen auszuprägen. „Als Reservist möchte ich durch Engagement und Wissensaufbau der aktiven Truppe als bestmögliche Unterstützung zur Verfügung stehen“, resümiert er.

Von Vorteil für den Einsatz in einer Heimatschutzkompanie: grundlegendes militärisches Handwerkszeug lernen und umsetzen.
Foto: Rodenbücher

Dass nicht nur das Heer von dem Lehrgang profitiert hat, beweist das folgende Statement von Hauptmann Gregor Spät (Name von der Redaktion geändert): „Auch wenn mir als ausgebildeter Luftwaffensicherer die Strukturen und Einsatzgrundsätze einer Panzergrenadierbrigade nicht vertraut sind, so gilt der zu Grunde liegende Führungsprozess auch in meiner derzeitigen Verwendung in einer Heimatschutzkompanie. Daher war es für mich interessant, den in drei Tagen geübten Bereich der Entscheidungsfindung anhand einer mir unbekannten Gliederung durchzuexerzieren und damit die eigenen Kenntnisse aufzufrischen, um diese während der kommenden Übungsvorhaben direkt anzuwenden.“

Aktuell gibt es einen Bedeutungszuwachs von Taktik im modernen Militär – diesem hat der Lehrgang in seiner Ausrichtung und Durchführung Rechnung getragen. Zahlreiche Autoren beschäftigen sich in Büchern und Magazinen mit diesem Thema, im europäischen wie US-amerikanischen Raum. Relevant sind aber auch Institutionen wie die RAND Corporation, das Center for Naval Analyses oder das U.S. Army War College mit ihren praxisnahen Analysen.

Auch wenn der russische Angriffskrieg auf die Ukraine keine Blaupause für nationale europäische Einsatzarmeen ist, hat er doch dazu beigetragen, dass sowohl technologische Entwicklungen als auch die damit verbundenen schnellen Lageänderungen Einzug in das Bearbeiten der Doktrinen nationaler europäischer Armeen gehalten haben, wie Oberstleutnant Müller bestätigt. „Die Kriegsführung in der Ukraine ist jedoch nicht beispielhaft für das Entstehen neuer Einsatzgrundsätze für die Bundeswehr“, erklärt er.

Die Teilnehmer vor einer Bell in der Sanitätsakademie.
Foto: Bundeswehr

Diese würden derzeit durch das Heeresamt und das Kommando Heer neu erarbeitet, gelten sie doch als Grundlage für Ausbildung und Übung und nehmen damit einen wichtigen Stellenwert in der Bundeswehr ein. Herausfordernd gestaltet sich jedoch diese Aufgabe aufgrund der Vielzahl an weltweiten Konflikten und der Schnelligkeit von Entwicklungen. Dass hierbei kriegerische Auseinandersetzungen überall auf der Welt miteinfließen, zeigt die jüngste vertiefte Zusammenarbeit zwischen Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding mit dem Kommandeur der israelischen Bodentruppen Nadav Lotan. Ziel: Erfahrungsaustausch über Einsatzrichtlinien, Weiterentwicklung und Lernen aus aktuellen Konflikten, für Deutschland insbesondere Gaza-Krieg. Auch gemeinsame Übungen sind geplant. Es ist laut Oberstleutnant Müller wichtig, sich trotz des Wandels mit den Einsatzgrundsätzen zu beschäftigen, denn sie bildeten die Grundlage für alle künftigen Entwicklungen.

Die Relevanz, Einsatzgrundsätze zu überdenken, resultiert aus der Notwendigkeit dezentraler Führung (Auftragstaktik) zur Steigerung der Resilienz. Angesichts komplexer Bedrohungen, hybrider Kriegsführung und verbundener Waffen ist die Fähigkeit zu schnellem, lokalem Handeln entscheidend, um die Initiative zu behalten. Taktik umfasst dabei alle Führungsebenen und das Zusammenwirken von Kräften. „Zusammenfassend lässt sich sagen“, erklärt OTL Bettendorf am Schluss, „dass taktische Flexibilität und eigenverantwortliches Handeln, also Auftragstaktik, wesentliche Faktoren für den Erfolg moderner militärischer Operationen sind, und um unseren Beitrag zur Ausbildung ernst zu nehmen, legen wir im Reservistenverband einen besonderen Stellenwert auf diese Taktik-Fortbildung.“

Text und Fotos: Christiane Rodenbücher

„SitaWare und Geländebeurteilung als Bestandteil der militärischen Entscheidungsfindung“

Die Taktiker der Landesgruppe Niedersachsen haben sich am 27. und 28. Februar 2026 zur ersten taktischen Weiterbildung in diesem Jahr auf dem Fliegerhorst in Wunstorf getroffen. Unter der Leitung von Taktiklehrer Oberst d. R. Biester, und mit organisatorischer Unterstützung durch Oberstleutnant d. R. Pratje, konnten die 16 Teilnehmer diesmal ihr Wissen zum Thema Geländebeurteilung vertiefen. Die Beurteilung von Geofaktoren und anderen Umwelteinflüssen sind ein wesentlicher Bestandteil der militärischen Entscheidungsfindung.

Am Freitag wurden die Teilnehmer jedoch erst einmal durch OStFw Fentje vom VersgBtl 141 in das Führungsinformationssystem SitaWare eingeführt. SitaWare ist eine interoperable C4ISR- und Battle-Management-Software-Suite (Führung, Kontrolle, Kommunikation, Computersysteme, Nachrichtenwesen, Überwachung und Aufklärung), die von Militärorganisationen zur Erstellung von Lagebildern sowie zur Planung, Durchführung und Koordination von Operationen eingesetzt wird. SitaWare ermöglicht ein gemeinsames Lagebild (JCOP = Joint Common Operational Picture) in Echtzeit auf allen Führungsebenen und gewährleistet Interoperabilität mit NATO-Partnern und multinationalen Einheiten. Dank ihrer offenen, skalierbaren Architektur kann sie unkompliziert erweitert und verschiedene Systeme integriert werden. SitaWare kommt in sämtlichen Domänen zum Einsatz, darunter Land, Luft, See, Cyber, Information und Weltraum.

Die zentralen Module der SitaWare-Suite umfassen verschiedene spezialisierte Komponenten: „SitaWare Headquarters“ dient als Führungsinformationssystem für Stäbe, Planung und Operationsführung; „SitaWare Frontline“ unterstützt das Battle-Management für Fahrzeuge und Gefechtsstände; „SitaWare Edge“ liefert Situational Awareness für bodengebundene Kräfte; „SitaWare Maritime“ bietet C4ISR-Funktionalitäten für maritime Einsätze und „SitaWare Insight“ nutzt KI-gestützte Aufklärung, Datenfusion und Intelligence-Management. Für militärische Anwendungen ist SitaWare relevant aufgrund ihrer Interoperabilität, die für NATO-Einsätze essenziell ist. Die Skalierbarkeit reicht von einzelnen abgesessenen Einheiten bis zu Joint Headquarters, und ihre Multidomain-Fähigkeit garantiert einen einsatzbereiten Betrieb in Land-, Luft-, See-, Cyber- und Space-Domänen.

Am Samstag ging es sodann in das eigentliche Thema der Geländebeurteilung aus Sicht von Rot im Angriff sowie Blau in der Verteidigung im Raum KRANICHBORN im Süden und SCHALLENBURG im Norden. Unter Verwendung von Kartenausschnitten und einem Geländeschnitt sowie der Anwendung von GoogleMaps konnten wertvolle Erkenntnisse über den Operationsraum gewonnen werden. Die Beurteilung des Geländes liefert Erkenntnisse darüber, welche Möglichkeiten es eigenen und feindlichen Kräften für Bewegung, Beobachtung, den Einsatz von Waffen und Gerät sowie für Einrichtungen bietet. Daher muss der militärische Führer vor Ort auch immer das Gelände aus Sicht des Feindes mitlesen und beurteilen.

Bei der Geländebeurteilung kommen die grundsätzlichen Fragestellungen der Geländeerkundung „Wo sehe ich was?“, „Wo kann ich wie wirken?“, „Wo bewege ich mich gedeckt?“, „Wo ist das Schlüsselgelände?“, „Wo ist Totraum?“ und „Wo entscheidet das Gelände?“ zum Tragen, denn Blau und Rot prüfen für sich: Wie kann ich das Gelände für meinen Auftrag in Bezug auf die Absicht der übergeordneten Führung zur Auftragserfüllung erfolgreich ausnutzen?

Gelände im taktischen Denken

Gelände prägt jede taktische Entscheidung. Es bestimmt, wo Kräfte gesehen, geführt, geschützt oder wirksam eingesetzt werden können. Wer das Gelände richtig beurteilt, kann eigene Stärken verstärken, gegnerische Vorteile brechen und den Verlauf eines Gefechts maßgeblich beeinflussen. Dabei spielen mehrere zentrale Begriffe eine Rolle, die das Verhältnis zwischen Gelände, Kräften und Absicht beschreiben.

Schlüsselgelände ist ein Geländeteil, dessen Besitz für den Erfolg der eigenen Absicht entscheidend ist. Wer Schlüsselgelände hält, kann das Gefechtsfeld strukturieren, gegnerische Bewegungen lenken und eigene Kräfte wirksam einsetzen. Die Identifikation von Schlüsselgelände ist daher ein Kernschritt der taktischen Beurteilung.

Toträume entstehen dort, wo Geländeformen oder Hindernisse die Sicht oder Wirkung einschränken. Senken, Böschungen, Waldkanten oder Bebauung können Bereiche verbergen, die von einer Stellung aus nicht eingesehen oder bekämpft werden können. Für den Gegner bieten Toträume verdeckte Annäherungswege; für eigene Kräfte stellen sie Sicherungslücken dar. Gleichzeitig können Toträume bewusst genutzt werden, um Bewegungen zu tarnen oder Kräfte geschützt zu verlegen.

Die Wirkung eigener und gegnerischer Waffen hängt stark vom Gelände ab. Offene Flächen begünstigen lange Wirkungsstrecken und klare Schussfelder, während Wald, Bebauung oder Geländekanten die Wirkung begrenzen oder kanalisieren. Höhenlagen ermöglichen überhöhte Wirkung, während Senken und Mulden Schutz bieten. Eine gute taktische Einschätzung der Waffenwirkung entscheidet darüber, wo Stellungen sinnvoll sind, welche Räume beherrscht werden und wo zusätzliche Sicherungsmaßnahmen notwendig werden.

Gelände beeinflusst, wo ein Schwerpunkt sinnvoll gesetzt werden kann: Engen, Übergänge oder Geländekanten eignen sich, um Kräfte zu bündeln und den Gegner zu zwingen, in den eigenen Wirkungsbereich einzulaufen. Gleichzeitig muss der Schwerpunkt so gewählt werden, dass er durch Gelände gedeckt, unterstützt und versorgt werden kann. Eine falsche Schwerpunktwahl führt zu verstreuten Kräften und geringer Wirkung.

Zu guter Letzt nutzt Täuschung das Gelände, um Absichten zu verbergen, Kräfte zu verschleiern oder den Gegner zu Fehlentscheidungen zu verleiten. Wald, Senken, Bebauung oder künstliche Hindernisse ermöglichen verdeckte Bewegungen, Scheinansätze oder das Verbergen von Kräften. Täuschung wirkt besonders dann, wenn sie glaubwürdig ist und durch das Gelände unterstützt wird: ein scheinbar günstiger Weg, eine auffällige Stellung oder eine bewusst erzeugte Lücke kann den Gegner in eine gewünschte Richtung lenken.

Schlüsselgelände, Toträume, Schwerpunkt, Waffenwirkung und Täuschung wirken im Verbund. Das Schlüsselgelände bestimmt, wo der Gegner gebunden oder geschlagen werden muss. Toträume zeigen, wo Risiken liegen oder verdeckte Annäherung möglich ist. Die Waffenwirkung definiert, welche Räume beherrscht werden können, und der Schwerpunkt bündelt Kräfte dort, wo Gelände und Absicht zusammenpassen. Die Täuschung nutzt Gelände, um den Gegner zu falschen Entscheidungen zu verleiten.

Oberst d. R. Biester fasst zum Schluss noch einmal zusammen: „Der militärische Führer, der diese Elemente im Gelände erkennt und miteinander verbindet, kann das Gefecht aktiv gestalten und die Initiative behalten oder gewinnen.“

Das Fazit der ersten Weiterbildung in diesem Jahr lautete auch diesmal wieder: „Taktik macht Spaß“!

Axel Rehwinkel, KL d. R.

Haus der Taktik:Ein Wochenende im Führungsprozess

Vorspann (Teaser)

Es ist Freitagabend in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Während andere ins Wochenende starten, beugen sich hier Reservisten über Lagekarten. Meine Geschichte: Ein Feldwebel zwischen Offizieren und Stabsoffizieren. Warum Führungskompetenz keine Frage des Dienstgrades ist und was man von einem Oberstleutnant a.D. mit 35 Jahren Erfahrung lernen kann.

Die Anreise: Effizienz trifft Motivation

Freitagmittag, 350 Kilometer Anreise von Zürich nach München. Der Kopf ist noch im zivilen Job, aber die Vorfreude steigt. Die Einschleusung durch den Verband der Reservisten (VdRBW) läuft überraschend digital und reibungslos: QR-Code scannen, Ausweis zeigen, drin. Keine Papierberge, kein Warten am Meldekopf – ein erstes Indiz, dass sich hier Dinge modernisieren.

Der „Elefant“ im Raum: Die Vorstellungsrunde

Pünktlich um 18:00 Uhr geht es im Gebäude 2 los. Der Blick durch den Hörsaal 0.10 offenbart schnell: Ich bin der Exot. Während um mich herum Eichenlaub und Pickel funkeln, trage ich den „Fisch“ auf der Schulter. Ich bin das „Küken“ – nicht unbedingt an Jahren, aber im Dienstgradgefüge.

Die Vorstellungsrunde bestätigt zunächst das Klischee: Viele Offiziere und Stabsoffiziere der Reserve sind anwesend. Doch dann offenbart sich die wahre Superkraft der Truppe – die zivilen Hintergründe. Wir sind kein homogener Block, sondern ein Querschnitt durch die High-Performer der Gesellschaft. Da sitzt ein Redakteur des Bayerischen Rundfunks neben einem Chirurgen und einem Polizeibeamten. Wir haben Ingenieure, Baumeister und Juristen in unseren Reihen. Ein CEO diskutiert mit einem Verantwortlichen der stationären Wohnungslosenhilfe. Vom Data-Security-Experten über den HR-Transformation Manager bis hin zum Schwerbehinderten-Rechtshelfer: Die Bandbreite an ziviler Kompetenz ist gewaltig.

Zwar fehlt vielen aufgrund ihrer fachlichen Verwendungen die Routine im Führen von geschlossenen Verbänden auf Bataillons- oder Regimentsebene, doch die mannigfaltigen zivilen Fähigkeiten gleichen dies durch andere Denkansätze aus. Genau hier holt uns das Seminar ab.

Unser Dozent, Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf, ist das erfahrene Scharnier zwischen diesen Welten. Über 35 Jahre Dienstzeit, davon 13 Jahre in Führungsverantwortung und 10 Jahre im Stab (inklusive Korps-Ebene). Seine Vita liest sich wie ein Geschichtsbuch der Bundeswehr-Einsätze: Von IFOR bis KFOR war alles dabei. Wenn er von „Führung“ spricht, meint er nicht Theorie, sondern gelebtes Handwerk. Es gibt keine Tätigkeit, die er nicht schon mal geleistet oder selbst gestaltet hat.

Freitagabend: Das Fundament und der Fahrplan

Bevor wir in die Lage einsteigen, wird der Rahmen gesteckt. Wir befinden uns im „Haus der Taktik“. Das Grundlagenseminar ist dabei nur der erste Stein. Das Konzept sieht drei darauf aufbauende Weiterbildungsseminare vor, gekrönt von einem zehntägigen SIRA-Durchgang (Simulationssystem für Rahmenlagen). Flankiert wird das Ganze mittlerweile von bis zu zehn Digitalausbildungen – ein deutliches Zeichen, dass der Dienstherr die Weiterbildung der Reserve massiv forcieren möchte (Details dazu finden Interessierte auch unter Taktik-Logistiklehrer.de).

Der restliche Abend widmet sich dem Handwerkzeug. Wir besprechen die vorab zu lesenden Ausbildungsunterlagen 1-5 und gehen tief in die Sprache des Militärs: Militärische Symbole. Es reicht nicht, einen Panzer zu erkennen. Wir deklinieren die Ebenen durch: Wie stelle ich eine Kompanie dar? Wie unterscheidet sie sich in der Symbolik von Bataillon, Regiment, Brigade oder Division? Wir pauken die Kampftruppenzeichen – Panzergrenadiere, Panzertruppe und Co. – bis die Hieroglyphen auf der Karte einen Sinn ergeben. Erst um 21:00 Uhr endet der erste Ausbildungstag mit der Abendverpflegung bei taktischen Gesprächen in der SANSIBAR.

Samstag: NATO-Standards und Gedankenautobahnen

Kameradschaft vor Dienstgrad

Der Samstag beginnt militärisch früh um 07:30 Uhr in der Truppenküche. Spätestens hier wird klar: Mein Dienstgrad spielt keine Rolle. Ich werde als vollwertiger Teilnehmer wahrgenommen. Es herrscht eine Wertschätzung auf Augenhöhe gegenüber Kameraden, die gemeinsam ihre Freizeit hergeben, um dem Land zu dienen. Das ist gelebte Kameradschaft, die weit über die Schulterklappe hinausgeht.

Das neue Vokabular der Bündnisverteidigung

Um 08:00 Uhr übernimmt Oberstleutnant Martin Müller die Einführung in die Einsatzgrundsätze. Wir tauchen tief in die Materie von „Rot“ (Feind) und „Blau“ (Eigene) ein. Ohne OPSEC-Grenzen zu verletzen, wird eine Wahrheit schnell deutlich: Als Teil von NATO und EU plant die Bundeswehr heute anders als früher. Die Bündnisverteidigung erfordert eine resolute Antwort auf Bedrohungen von außen.

Das bedeutet auch: Vokabeln lernen. Die alten deutschen Begriffe weichen der internationalen Interoperabilität:

  • Aus dem „Vorderen Rand der Verteidigung“ (VRV) wird die FEBA (Forward Edge of Battle Area).
  • Die „Sicherungs- und Aufnahmelinie“ (SL) wird zur phase line battle handover line (PL BHL).

Wir analysieren die Kampftruppendivisionsstrukturen, Kräfteverhältnisse und Verlustraten (KIA/MIA). Es ist eine nüchterne, mathematische Betrachtung des Krieges, die notwendig ist, um die Dynamik von Angriff und Verzögerung zu verstehen. Nur wer diese Zahlen kennt, begreift die Bedeutung der „Soft Factors“: Sanität, Combat Service Support (CSS) und eine robuste Logistik sind keine Anhängsel, sondern die Voraussetzung, um überhaupt auf unterschiedliche Lagen reagieren oder die Initiative ergreifen zu können.

Der Kommandeur im Kopf

Nach dem Mittagessen wird es ernst. Wir wechseln die Rolle: Jeder von uns ist nun Bataillonskommandeur des verstärkten Panzergrenadierbataillons 612. Ab hier führt uns Oberstleutnant a.D. Bettendorf durch den Führungsprozess.

Es ist faszinierend zu sehen, wie er uns vor Fehlannahmen bewahrt. Er zeigt uns „Gedankenautobahnen“ auf – strukturierte Denkwege, die verhindern, dass man sich im Chaos der Lage verliert. Wir arbeiten uns durch den Trichter:

  1. Auswertung des Auftrags: Was will die übergeordnete Führung wirklich?
  2. Beurteilung der Lage: Was bedeutet das Gelände für mich? Was macht der Feind?
  3. Entschluss: Wie reagiere ich?

Bettendorf fordert stetiges Mitdenken und – noch wichtiger – „Klarheit in den Gedanken“. Ein unklarer Gedanke führt zu einem unklaren Befehl, und das kostet im Ernstfall Leben. Als wir um 18:00 Uhr den fertigen Bataillonsbefehl stehen haben, rauchen die Köpfe. Der Ausklang mit einem Leberkäsweckle dauert bis 21:30 Uhr – auch hier wieder: Fachsimpeln, Netzwerken, Kameradschaft.

Sonntag: Dienst aus Überzeugung

Der Sonntag startet mit Stuben-Räumen und Frühstück, bevor es um 08:00 Uhr in den Endspurt geht. Pünktlich um 11:30 Uhr halten wir die Teilnahmebescheinigungen in den Händen.

Beim Blick auf die Urkunde wird mir eines bewusst: Es gibt hierfür keine ATN (Ausbildungs-Tätigkeits-Nachweis). Das bedeutet, dieses Wochenende bringt mir karrieretechnisch auf dem Papier wenig. Kein Laufbahn-Häkchen, keine automatische Beförderung. Aber genau das macht den Wert dieser Veranstaltung aus. Hier sitzen Reservisten – vom CEO bis zum Feldwebel –, die bereit sind, ihre Freizeit zu opfern, um ihren Eid mit Leben zu füllen. Wir üben, um das Land verteidigen zu können, nicht um den Lebenslauf zu polieren.

Fazit: Führen durch Wissen – Der Weg zum Reserveoffizier

Als ich mich am Sonntagmittag auf die 350 Kilometer Rückreise nach Zürich mache – als Deutscher in der Schweiz, der in der Heimat übt –, habe ich nicht nur taktisches Wissen im Gepäck, sondern auch ein klares Ziel vor Augen. Für mich ist dieses Seminar ein entscheidender Baustein für meinen nächsten großen Schritt: die Laufbahn des Reserveoffiziers.

Mein Credo lautet: Führen durch Wissen. Wer in Zukunft Verantwortung übernehmen will – sei es als Kompaniechef oder vielleicht sogar eines Tages als Bataillonskommandeur –, der muss das Handwerk von der Pike auf verstehen. Das Seminar hat mir geholfen, über den Tellerrand meiner aktuellen Verwendung zu blicken und die „Gedankenautobahnen“ meiner Vorgesetzten nachzuvollziehen. Wer führen will, muss verstehen, was er befiehlt.

Ich fühle mich nun bereit für mehr Verantwortung. Und sollte zufällig ein Verantwortlicher mitlesen, der einen motivierten Kopf für eine Reserveoffizierstelle adW sucht: Ich stehe bereit, das Gelernte in die Praxis umzusetzen.

Das „Haus der Taktik“ in München ist der Ort, an dem dieser Geist gefördert wird. Professionell, fordernd und auf Augenhöhe.

Danke Herr Oberstleutnant für diese spannenden Tage!

Nikolaij Lankoff

Feldwebel der Reserve

Das Panzergrenadierbataillon 514 im Gefecht

Taktik Aufbauseminar III vom 17.-19.10.2025 in Hannover.

Innerhalb von drei Tagen vermittelten die beiden Taktiklehrer OTL a.D. Manfred Bettendorf und Jürgen Baumer im dritten Teil der Taktik Aufbauseminare rund 20 Teilnehmern das Handwerk eines Bataillonsstabes im Gefecht.

Angefangen mit der Führungsorganisation und den Aufgaben eines militärischen Führers und seines Stabes. Der Unterricht beinhaltete die Gliederung der Führungsgrundgebiete oder Stabsabteilungen, den verschiedenen Gefechtsständen, der Gefechtsstandorganisation der einzelnen Gefechtsstände. Abgerundet wurde der Unterricht mit der Vorführung der beiden Gefechtsstandwände, Arbeitsplätze der S3 Offz (eigene Lage) und S2 Offz (Feindlage/Lage gegnerische Kräfte). Eine Auffrischung über die Kartenkunde legte die Grundlage für das Lagediktat, das die Lehrgangsteilnehmer ins Schwitzen brachte. Aus dem Lagediktat entwickelte sich die Lagedarstellung und daraus die Lagefeststellung, die der S2 Offz, S3 Offz und der Kommandeur für eine Idee des Gefechtes bzw. für die Beurteilung der Lage im laufenden Gefecht benötigen.

In Gruppenarbeiten wurden LVU, Weg- Zeitberechnungen der Gegner und der eignen Kräfte und daraus die Möglichkeiten der gegnerischen und eigenen Kräfte ermittelt. In einem weiteren Schritt wurden die Möglichkeiten der gegnerischen Kräfte und die der eigenen Kräfte gegenübergestellt und unter Beurteilung und Abwägen der Möglichkeiten ein Entschluss gefasst. Der Abschluss des Lehrgangs war dann der Gefechtsbefehl oder kurz FNAKI, den wir formulieren mussten.

Neben der Paukerei kam aber die Kameradschaft auch nicht zu kurz, sei es in den Pausengesprächen, bei der Gruppenarbeit oder beim Abendessen in der Pizzeria. Rundum ein gelungener Lehrgang, der uns alle persönlich und fachlich weiterbrachte.

                                                                                                         Oberfeldapotheker d. R. Sascha Schneider

Sicherheitspolitische Aspekte aus Sicht eines Seminarteilnehmers

Über die für die Taktik elementaren Begriffe, Symbole und Prozesse hinaus, wurde allen Kameradinnen und Kameraden erneut klar vor Augen geführt, dass theoretische militärische Lagen auf Karten in der Ostukraine zu einer alltäglichen brutalen Realität geworden sind. Dieser Krieg wird nächstes Jahr schon vier Jahre andauern und ein langfristiger Frieden ist weit außerhalb jeglicher Wahrscheinlichkeit. Zu den für die Ukraine zwei elementaren Fragestellungen, wie Deutschland zur Souveränität des Landes steht und wie die tapferen ukrainischen Soldatinnen und Soldaten in ihrem unermüdlich mutigen Kampf gegen die russische Invasion weiterhin unterstützt werden können, ist eine weitere hinzugekommen: Wie wird Deutschland kriegstüchtig? Um eine Antwort zu geben, wird die Bundesregierung intensiv gefordert, dies gilt nicht weniger für die Bevölkerung. Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der für viele Bürgerinnen und Bürger gefühlt fern ab scheint und meist nur in den Nachrichten dazu zwingt, sich dieser bitteren Realität kurzzeitig zu stellen, hat nun auch unmittelbare Konsequenzen für die Menschen in Deutschland. Eine zentrale Frage zum Erreichen der Kriegstüchtigkeit ist, wie der Personalkörper der Streitkräfte aufwachsen kann. Die Tatsachen: Aktuell sind rund 182.000 Mann in den Streitkräften aktiv (Quelle: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/zahlen-daten-fakten/personalzahlen-bundeswehr).

Bis 2029 ist eine Personalstärke von wenigstens 198.000 vorgesehen, bis 2031 eine Stärke von 203.000 und bis 2035 sollen es 260.000 Soldatinnen und Soldaten sein. Das zusätzliche Ziel, die Reserve langfristig bis zu 200.000 zu erhöhen, führt zu einer anvisierten Gesamtstärke von 460.000 Soldatinnen und Soldaten. So die Planung des Bundesministers der Verteidigung und des Ministeriums. Die Realität: Verteidigungsminister Pistorius hatte im Juni erklärt, dass bis zu 60.000 zusätzliche aktive Soldaten benötigt werden, um die künftigen Bündnis- und Landesverteidigungsanforderungen der NATO zu erfüllen. Die Zahl der aktiven Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr ist im September wieder unter 182.000 gefallen. Für diesen Rückgang im September war zwar vor allem die geringere Zahl der Freiwilligen Wehrdienst Leistenden (FWDL) ausschlaggebend (Quelle: Personalstärke September 2025: Weiterer Rückgang auf unter 182.000, fast 1.000 weniger SaZ – Augen geradeaus!). Der Generalinspekteur der Bundeswehr Carsten Breuer und andere ranghohe europäische Militärs warnen vor einem möglichen russischen Angriff auf die Nato bis 2029. Auch der namhafte Gustav Gressel, Hauptlehroffizier und Forscher an der Landesverteidigungsakademie des Bundesheeres in Wien, einer der profiliertesten Kenner der russischen Militärstrategie, warnt vor einem russischen Angriff auf die Nato. Europa sei völlig unvorbereitet und Deutschland würde zum Kriegsschauplatz. Seine düstere Prognose: Putin wird zuschlagen, wenn Europa sich nicht beeilt.

So die Fakten. Es sollte also nun jeder und jedem klar geworden sein, dass die Personalgewinnung der Streitkräfte ein Prokrustesbett geworden ist, das einen Kraftakt par excellence darstellt. Auf diese Weise ist der Wehrdienst zurück in das Zentrum der Verteidigungspolitik gerückt worden. In der Regierung sowie in der Parteienlandschaft wird simplifiziert die kontroverse Debatte geführt, ob der freiwillige Wehrdienst oder sogar wieder eine Reaktivierung der Wehrpflicht probate Mittel sind, die Funktionsfähigkeit der Streitkräfte für die Landes- und Bündnisverteidigung erneut herzustellen. Nach langem Ringen haben sich die Regierungsparteien auf die neue Ausgestaltung des neuen Wehrdienstes verständigen können. Weiterhin setzt die Koalition aber weiter auf Freiwilligkeit, zudem auf flächendeckende Musterungen und eine Zielmarke für den Aufwuchs der Streitkräfte. Erst im Fall einer zu niedrigen Freiwilligenzahl soll der Bundestag über eine sogenannte „Bedarfswehrpflicht“ entscheiden können. Das hierfür notwendige Gesetz soll Anfang Dezember verabschiedet werden und 2026 in Kraft treten. Damit sollen ab nächstem Jahr alle 18-Jährigen Männer einen zur Beantwortung verpflichtenden Fragebogen erhalten, der die Motivation und Eignung erfasst. Mit Inkrafttreten des Gesetzes beginnt die verpflichtende Musterung für ab dem 1. Januar 2008 geborenen Männer. Diese Maßnahme wird schrittweise dem Aufbau der Musterungskapazitäten auf den gesamten Jahrgang ausweitet werden.

Die Entscheidung, alle ab dem 1. Januar 2008 geborenen Männer zu mustern, um überhaupt zu wissen, wer für den militärischen Dienst geeignet ist, war logisch, zweckmäßig und unausweichlich. Die zweite zwingende Konsequenz steht jedoch noch aus. Dass die Wehrdienst- bzw. Wehrpflichtdebatte politisch, aber auch gesellschaftlich kontrovers geführt werden soll und wird, ist für die Gemeinheit konstruktiv und unerlässlich. Ob aber eine „Bedarfswehrpflicht“ unter der Prämisse einer realen Bedrohung und eines antizipierten Angriffs auf NATO-Territorium durch Russland spätestens 2029 sinnvoll ist, kann berechtigt bezweifelt werden.

Nach einer im Juni 2025 durchgeführten repräsentativen Umfrage waren rund 59 Prozent der Befragten der Meinung, dass Deutschland die im Jahr 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wieder einführen sollte. 37 Prozent der Befragten sprachen sich hingegen gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht aus. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen sprachen sich 61 Prozent gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht aus (Quelle: Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/706672/umfrage/umfrage-zu-einer-wiedereinfuehrung-der-wehrpflicht-in-deutschland/). Dieses Ergebnis zeigt, dass in der Mehrheit der Bevölkerung die neue sicherheitspolitische Realität erkannt und akzeptiert wurde.   

So ist die unverzügliche Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland mehr als nur ein militärisches Gebot – sie ist ein Garant als Investition in die Sicherheit unseres Landes, in die Resilienz unserer Gesellschaft und in den Zusammenhalt unserer Jugend. In einer Zeit fundamentaler geopolitischer Gefahr muss die Verteidigungsfähigkeit neu gedacht und umgesetzt werden:

1. Stärkung der Abschreckung

Die primäre Aufgabe der Wehrpflicht ist die Sicherstellung einer robusten und schnell mobilisierbaren Bündnis- und Landesverteidigung.

Die Kriegstüchtigkeit wird nur erreicht, wenn die Truppe nicht nur technisch, sondern auch personell in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen. Eine attraktive, aber verpflichtende Dienstzeit schafft die nötige Breite und Tiefe an geschultem Personal.

Gleichzeitig muss die Resilienz der Gesellschaft durch den Auf- und Ausbau eines effektiven Zivilschutzes und einer Katastrophenhilfe ertüchtigt werden. In modernen Konflikten sind nicht nur militärische Ziele betroffen, sondern auch kritische Infrastrukturen (KRITIS), Kommunikationsnetze und die Zivilbevölkerung. Eine strategische allgemeine Dienstpflicht – die neben dem Wehrdienst auch eine Option im Zivil- oder Katastrophenschutz bietet – würde die gesamtgesellschaftliche Resilienz stärken. Ausgebildete Bürgerinnen und Bürger könnten im Fall von Cyberangriffen, Naturkatastrophen oder Pandemien sofort zur Unterstützung der Behörden herangezogen werden. Gleichlaufend würde das Verständnis für Sicherheit gestärkt werden. Der Dienst vermittelt grundlegendes Wissen über Notfallmaßnahmen, Erste Hilfe und das Verhalten in Krisensituationen. Das erhöht die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung als Ganzes.

2. Die Stärkung der Gemeinschaft

Die Wehrpflicht oder der allgemeine Dienst kann eine wichtige sozialisierende Funktion in unserer fragmentierten Gesellschaft übernehmen, eine Überwindung von Milieugrenzen ermöglichen und der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen dienen.

Junge Menschen aus allen sozialen Schichten, Bildungsniveaus und Regionen würden gezwungen, über einen begrenzten Zeitraum eng zusammenzuarbeiten. Dies fördert den gegenseitigen Respekt und das Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten, was in einer immer stärker polarisierenden Gesellschaft von unschätzbarem Wert ist. Der Dienst lehrt Pünktlichkeit, Disziplin, Führungsverantwortung und Teamfähigkeit – oft als “Soft Skills“ bezeichnet, die für den späteren Berufsweg unerlässlich sind. Er trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei und vermittelt ein Gefühl der Pflicht.

3. Das Prinzip der Gerechtigkeit

Neben der Freiheit genießen wir in Deutschland Wohlstand. Auch dieser ist keine Selbstverständlichkeit und setzt eine Erwirtschaftung und Lastenverteilung voraus.

Die Pflicht zur Verteidigung und zur Sicherung des Staates sollte nicht nur einer kleinen Gruppe von Freiwilligen überlassen bleiben. Die Wehrpflicht ist der Ausdruck, dass die Verteidigung unserer Demokratie und unserer Werte eine gemeinsame Aufgabe ist, die von allen Bürgerinnen und Bürgern, die davon profitieren, getragen werden muss. Es stellt einen fairen Ausgleich dar: Der Staat gewährt Rechte, und im Gegenzug fordert dieser die Erfüllung von Pflichten.

Schlussfolgerung: Ein weiterer Schritt nach der Musterungsentscheidung

Die Wiedereinführung einer intelligent konzipierten und flexiblen Wehrpflicht ist keine Rückkehr zur Vergangenheit, sondern eine zukunftsorientierte Antwort auf die heutigen Herausforderungen.

Sie sorgt für:

  1. Militärische Stärke und glaubhafte Abschreckung
  2. Zivile Resilienz im Krisenfall
  3. Sozialen Zusammenhalt und die Vermittlung wichtiger Werte

Deutschland muss sich seiner Verantwortung in Europa und der Welt uneingeschränkt stellen. Die Wehrpflicht ist dafür ein unverzichtbarer Baustein. Die Zeit ist gekommen nicht nur über die Zeitenwende zu reden, sondern sie durch konkrete Taten zu manifestieren. Das Prinzip der Zeitenwende darf nicht nur eine Idee sein. Sie muss durch unverzügliches Handeln mit ausreichend finanziellen Mitteln, moderner Ausrüstung und einer klaren Strategie unterfüttert werden.

Nur ein wehrhaftes Deutschland kann effektiv zur Sicherheit Europas und damit zu unserem eigenen Schutz beitragen. Wenn die demokratische Freiheit nicht jetzt verteidigt wird, wird sie in der Zukunft nicht mehr verteidigt werden müssen, weil es sie dann nicht mehr geben wird. 

Jetzt handeln – für unsere sichere Freiheit von morgen!

Hauptmann d. R. Marcel Borowski, M.A. und MPA

SIRA (Simulationsbasierte Rahmenstabsübung) ist das große Ziel! – Auf der Zielgeraden

Gruppenfoto der Teilnehmer des Taktikaufbauseminars III vom 05. bis 07.09.2025 in
München

Mit den Worten „SIRA ist das große Ziel“ eröffneten die Taktiklehrer Oberstleutnant a. D. Bettendorf und Oberstleutnant a. D. Baumer am 05.09.2025 das Taktikaufbauseminar III an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Im Mittelpunkt stand dieses Mal die Gefechtsstandsausbildung. Schon zu Beginn wurde in der Vorstellungsrunde die Vielseitigkeit der Reservisten der Bundeswehr deutlich, die aus ganz Deutschland nach München gekommen waren: Die Teilnehmer bringen Erfahrungen aus Bereichen wie dem Gesundheitswesen,  der IT, dem Öffentlichen Dienst sowie aus der Selbstständigkeit mit. Dies unterstreicht eindrucksvoll, wie Reserve und Gesellschaft voneinander profitieren und miteinander wechselwirken.

Die Ausbilder stellten das „Haus der Taktik“ vor – ein innovatives und aufeinander aufbauendes didaktisches Konzept für die Taktikausbildung im Reservistenverband. Dieses Konzept bietet für jeden Interessierten passende Seminare in erreichbarer Nähe – vom Grundlagenseminar bis hin zum anspruchsvollen Ziel SIRA. Dabei nimmt der Anteil der eigenständigen Arbeit der Teilnehmer gegenüber den Vorträgen der Ausbilder mit jedem Seminar zu. Besonders im dritten Seminar war das gleich erlebbar.

Bereits am Freitagabend startete die inhaltliche Arbeit: Von den Teilnehmern wurde ein Lagevortrag zur Unterrichtung verlangt. Viele wurden dadurch buchstäblich ins kalte Wasser geworfen, da das entsprechende Seminar schon eine Weile zurücklag. Doch gerade unter Stress müssen die Grundlagen sitzen und „üben übt!“. Zum Üben sind diese Seminare ja schließlich auch gedacht! Die ehrlichen und stets konstruktiven Rückmeldungen durch die Ausbilder halfen, fachlich zu wachsen und Selbstvertrauen zu gewinnen. Der Samstag war zunächst dem Aufbau eines Gefechtsstandes und einer Gefechtsstandwand gewidmet. Hier zeigte sich der praxisnahe Wert der Ausbildung: Die Teilnehmer lernten direkt von erfahrenen Profis und konnten individuelle Fragen stellen – schließlich waren die wenigsten bis jetzt „draußen“ auf einem realen Gefechtsstand.

Im Anschluss folgte die Kartenarbeit mit einem komplexen Lagediktat. Es galt, relevante Informationen korrekt zu erfassen und auf der Lagekarte einzutragen, denn eine akkurat geführte Karte ist Grundlage aller folgenden militärischen Entscheidungen.

Aus der veränderten Lage ergaben sich Erfolge der Kräfte ROT, auf die es zu reagieren galt. Nun erarbeiteten die Teilnehmer Schritt für Schritt Handlungsoptionen für den militärischen Führer. Die Herausforderung bestand darin, die Vielzahl an Informationen, die den militärischen Führer erreichen zu strukturieren, den Überblick zu behalten und das eigene Handeln stets kritisch zu hinterfragen. Ziel ist es, diesen Führungsprozess – wie später bei SIRA – auch unter Stress und Zeitdruck im laufenden Gefecht souverän zu beherrschen. Vielen war die Erleichterung anzusehen, dass sie sich noch in einer Übungssituation befanden. Die Gruppenergebnisse wurden anschließend vorgestellt, diskutiert und von den Ausbildern kritisch hinterfragt – ganz gemäß dem Leitsatz eines Ausbilders: „Der Führungsprozess im Gefecht ist Gedankenarbeit!“

Die souveräne Beherrschung des Handwerkszeuges ist der Schlüssel zum Erfolg

Der Sonntag stand im Zeichen der praktischen Umsetzung: Die Teilnehmer mussten die gemeinsam erarbeitete Lösung in einen prägnanten Befehl fassen, der funktauglich und eindeutig ist.

Alle Beteiligen blicken auf ein intensives und lehrreiches Wochenende zurück, das jeden forderte – oder wie es ein Teilnehmer ausdrückte: „Der Führungsprozess ist ein Hamsterrad!“ Jeder spürte, bei welchen Aspekten noch Übung und Wiederholung nötig sind, um das große Ziel SIRA zu erreichen. Die Ausbilder machten deutlich: „Ein Lehrgang ist kein Könngang!“

Zum Abschluss gilt besonderer Dank den Ausbildern für ihr ehrenamtliches Engagement und die Möglichkeit, von ihrem Erfahrungsschatz zu profitieren. Die aktuellen Entwicklungen in Europa zeigen, wie relevant Übungsszenarien ROT gegen BLAU wieder geworden sind. Auch Organisation und Rahmenbedingungen des Seminars – von der Kommunikation bis zur Verpflegung – wurden allseits gelobt. Alle fühlten sich an der Sanitätsakademie bestens aufgehoben. Vielen Dank und bis zum nächsten Seminar!

Oberstabsapotheker Dr. Christoph Wenzel