Taktik im Wandel, und doch auf der Höhe der Zeit

Übung im Praxistest: Reservisten planen den Einsatz eines Bataillons mit verschiedenen Kräften.
Foto: Rodenbücher

Ein Lehrgang an der Sanitätsakademie für Reservisten

München, 15. März 2026. 30 Reservisten aus dem gesamten Bundesgebiet haben einen Taktik-Lehrgang an der Sanitätsakademie der Bundeswehr absolviert. Der Reservistenverband hat dieses Seminar mit theoretischen Anteilen (militärische Symbole und Führung im Einsatz) sowie praktischen Übungen realisiert. Einhelliges Feedback der Teilnehmer: „Wir haben sehr viel gelernt.“

Eine fiktive Übungslage – ein Krieg zweier Staaten, die geografisch in tatsächlichen Begebenheiten verortet sind, um auf realen Karten zu arbeiten – diente dabei als Ausgangsbasis. Lage: Eigene Kräfte versuchen zwei Wochen lang, einen Angriff der Gegenseite abzuwehren. Es gelingt, den Angriff zum Stehen zu bringen. Zwei mechanisierte Infanteriebrigaden halten die Stellungen. Der übergeordnete Befehlshaber der NATO beabsichtigt, die Hauptkräfte der gegnerischen Armee zu zerschlagen und durch den Angriff der eigenen Kräfte (also der Bundeswehr) den Status quo wiederherzustellen.

Grundlage der Übung: ein realistisches Szenario mit „realen“ politischen und geografischen Begebenheiten.
Foto: Rodenbücher

Eine Panzergrenadier-Division des Deutschen Heeres ist in dem fiktiven Szenario der NATO unterstellt, um den Einsatz verschiedener Truppenkontingente zu unterstützen. Aufgabe der Lehrgangsteilnehmer ist es nun, von den drei Gefechtsphasen die Phase 2 „Verteidigung“ im Rahmen einer der zwei deutschen Brigaden zu unterstützen und für ein unterstelltes Bataillon Kräfte laut Befehlsgebung auszuplanen.

Vorab erhielten die Reservisten umfangreiches Material, um Symbole, Führungslinien, Stabsorganisation, Führungseinrichtungen und Gefechtsorganisation sowie taktische Aufträge in der Übungslage besser zu verstehen. Nach einer Einführung in die Aufstellung gegnerischer Kräfte – Ausbilder Oberstleutnant Martin Müller, Taktikausbilder der Sanitätsakademie, zog hierzu die Organisation der russischen Streitkräfte heran – lernten die Teilnehmer, den Gefechtsbefehl der Brigade sowie der Bataillone richtig zu lesen und ihre eigenen Aufträge zu verstehen und umzusetzen. Im Fall der Reservisten war dies der Auftrag für das verstärkte Panzergrenadierbataillon 612. Hierzu gehörte auch, den wesentlichen eignen Beitrag zu erkennen: das Auffangen der gegnerischen mechanisierten Brigade im Zuge einer vorgegebenen Linie.

Expertise durch erfahrene Ausbilder: hier im Bild OTL a.D. Manfred Bettendorf vor einer Lagekarte.

Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf lehrte hierzu außerdem die grundsätzlichen Grundlagen des Führungsprozesses. Hierzu gehören Entscheidungsfindung, Planung der Befehlsgebung sowie der zielgerichtete Einsatz von Kräften und Mitteln auch unter Zeitdruck und bei rasch wechselnden Lagen. Mit ihrer großen Expertise aus zahlreichen Verwendungen und Einsatzerfahrungen erwiesen sich die beiden Oberstleutnante durchgehend als ausgewiesene Kenner der Materie, von der die Teilnehmer in hohem Maße profitiert haben, wie sie im Feedback zum Schluss bestätigt haben. Teilnehmer Oberstleutnant Michael Schmidt (Name von der Redaktion geändert), beordert in einer Division des Deutschen Heeres, hat von dem Seminar erwartet, dass er sein grundlegendes Handwerkszeug auffrischen kann: Lernen militärischer Begrifflichkeiten, Kommunikation und Ausdrucksweisen, außerdem wollte er sein militärisch-taktisches Denken in Form des „Entscheidungsprozesses Landstreitkräfte“ vertiefen. Darüber hinaus erwartete er einen Ideen- und Erfahrungsaustausch mit Kameraden.

Können kommt von Machen: Die Reservisten mussten in Kleingruppen auf der Basis eines fiktiven Befehls Kräfte eines Bataillons ausplanen.
Foto: Rodenbücher

„Alle Erwartungen wurden erfüllt“, sagt der Artillerist. Er habe vermittelte Inhalte festigen können und beherrschen gelernt, um den Auftrag als Reservist beim Beorderungstruppenteil bestmöglich erfüllen zu können. Es sei gelungen, eigene Fähigkeiten zur Einschätzung militärischer Lagen auszuprägen. „Als Reservist möchte ich durch Engagement und Wissensaufbau der aktiven Truppe als bestmögliche Unterstützung zur Verfügung stehen“, resümiert er.

Von Vorteil für den Einsatz in einer Heimatschutzkompanie: grundlegendes militärisches Handwerkszeug lernen und umsetzen.
Foto: Rodenbücher

Dass nicht nur das Heer von dem Lehrgang profitiert hat, beweist das folgende Statement von Hauptmann Gregor Spät (Name von der Redaktion geändert): „Auch wenn mir als ausgebildeter Luftwaffensicherer die Strukturen und Einsatzgrundsätze einer Panzergrenadierbrigade nicht vertraut sind, so gilt der zu Grunde liegende Führungsprozess auch in meiner derzeitigen Verwendung in einer Heimatschutzkompanie. Daher war es für mich interessant, den in drei Tagen geübten Bereich der Entscheidungsfindung anhand einer mir unbekannten Gliederung durchzuexerzieren und damit die eigenen Kenntnisse aufzufrischen, um diese während der kommenden Übungsvorhaben direkt anzuwenden.“

Aktuell gibt es einen Bedeutungszuwachs von Taktik im modernen Militär – diesem hat der Lehrgang in seiner Ausrichtung und Durchführung Rechnung getragen. Zahlreiche Autoren beschäftigen sich in Büchern und Magazinen mit diesem Thema, im europäischen wie US-amerikanischen Raum. Relevant sind aber auch Institutionen wie die RAND Corporation, das Center for Naval Analyses oder das U.S. Army War College mit ihren praxisnahen Analysen.

Auch wenn der russische Angriffskrieg auf die Ukraine keine Blaupause für nationale europäische Einsatzarmeen ist, hat er doch dazu beigetragen, dass sowohl technologische Entwicklungen als auch die damit verbundenen schnellen Lageänderungen Einzug in das Bearbeiten der Doktrinen nationaler europäischer Armeen gehalten haben, wie Oberstleutnant Müller bestätigt. „Die Kriegsführung in der Ukraine ist jedoch nicht beispielhaft für das Entstehen neuer Einsatzgrundsätze für die Bundeswehr“, erklärt er.

Die Teilnehmer vor einer Bell in der Sanitätsakademie.
Foto: Bundeswehr

Diese würden derzeit durch das Heeresamt und das Kommando Heer neu erarbeitet, gelten sie doch als Grundlage für Ausbildung und Übung und nehmen damit einen wichtigen Stellenwert in der Bundeswehr ein. Herausfordernd gestaltet sich jedoch diese Aufgabe aufgrund der Vielzahl an weltweiten Konflikten und der Schnelligkeit von Entwicklungen. Dass hierbei kriegerische Auseinandersetzungen überall auf der Welt miteinfließen, zeigt die jüngste vertiefte Zusammenarbeit zwischen Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding mit dem Kommandeur der israelischen Bodentruppen Nadav Lotan. Ziel: Erfahrungsaustausch über Einsatzrichtlinien, Weiterentwicklung und Lernen aus aktuellen Konflikten, für Deutschland insbesondere Gaza-Krieg. Auch gemeinsame Übungen sind geplant. Es ist laut Oberstleutnant Müller wichtig, sich trotz des Wandels mit den Einsatzgrundsätzen zu beschäftigen, denn sie bildeten die Grundlage für alle künftigen Entwicklungen.

Die Relevanz, Einsatzgrundsätze zu überdenken, resultiert aus der Notwendigkeit dezentraler Führung (Auftragstaktik) zur Steigerung der Resilienz. Angesichts komplexer Bedrohungen, hybrider Kriegsführung und verbundener Waffen ist die Fähigkeit zu schnellem, lokalem Handeln entscheidend, um die Initiative zu behalten. Taktik umfasst dabei alle Führungsebenen und das Zusammenwirken von Kräften. „Zusammenfassend lässt sich sagen“, erklärt OTL Bettendorf am Schluss, „dass taktische Flexibilität und eigenverantwortliches Handeln, also Auftragstaktik, wesentliche Faktoren für den Erfolg moderner militärischer Operationen sind, und um unseren Beitrag zur Ausbildung ernst zu nehmen, legen wir im Reservistenverband einen besonderen Stellenwert auf diese Taktik-Fortbildung.“

Text und Fotos: Christiane Rodenbücher

„SitaWare und Geländebeurteilung als Bestandteil der militärischen Entscheidungsfindung“

Die Taktiker der Landesgruppe Niedersachsen haben sich am 27. und 28. Februar 2026 zur ersten taktischen Weiterbildung in diesem Jahr auf dem Fliegerhorst in Wunstorf getroffen. Unter der Leitung von Taktiklehrer Oberst d. R. Biester, und mit organisatorischer Unterstützung durch Oberstleutnant d. R. Pratje, konnten die 16 Teilnehmer diesmal ihr Wissen zum Thema Geländebeurteilung vertiefen. Die Beurteilung von Geofaktoren und anderen Umwelteinflüssen sind ein wesentlicher Bestandteil der militärischen Entscheidungsfindung.

Am Freitag wurden die Teilnehmer jedoch erst einmal durch OStFw Fentje vom VersgBtl 141 in das Führungsinformationssystem SitaWare eingeführt. SitaWare ist eine interoperable C4ISR- und Battle-Management-Software-Suite (Führung, Kontrolle, Kommunikation, Computersysteme, Nachrichtenwesen, Überwachung und Aufklärung), die von Militärorganisationen zur Erstellung von Lagebildern sowie zur Planung, Durchführung und Koordination von Operationen eingesetzt wird. SitaWare ermöglicht ein gemeinsames Lagebild (JCOP = Joint Common Operational Picture) in Echtzeit auf allen Führungsebenen und gewährleistet Interoperabilität mit NATO-Partnern und multinationalen Einheiten. Dank ihrer offenen, skalierbaren Architektur kann sie unkompliziert erweitert und verschiedene Systeme integriert werden. SitaWare kommt in sämtlichen Domänen zum Einsatz, darunter Land, Luft, See, Cyber, Information und Weltraum.

Die zentralen Module der SitaWare-Suite umfassen verschiedene spezialisierte Komponenten: „SitaWare Headquarters“ dient als Führungsinformationssystem für Stäbe, Planung und Operationsführung; „SitaWare Frontline“ unterstützt das Battle-Management für Fahrzeuge und Gefechtsstände; „SitaWare Edge“ liefert Situational Awareness für bodengebundene Kräfte; „SitaWare Maritime“ bietet C4ISR-Funktionalitäten für maritime Einsätze und „SitaWare Insight“ nutzt KI-gestützte Aufklärung, Datenfusion und Intelligence-Management. Für militärische Anwendungen ist SitaWare relevant aufgrund ihrer Interoperabilität, die für NATO-Einsätze essenziell ist. Die Skalierbarkeit reicht von einzelnen abgesessenen Einheiten bis zu Joint Headquarters, und ihre Multidomain-Fähigkeit garantiert einen einsatzbereiten Betrieb in Land-, Luft-, See-, Cyber- und Space-Domänen.

Am Samstag ging es sodann in das eigentliche Thema der Geländebeurteilung aus Sicht von Rot im Angriff sowie Blau in der Verteidigung im Raum KRANICHBORN im Süden und SCHALLENBURG im Norden. Unter Verwendung von Kartenausschnitten und einem Geländeschnitt sowie der Anwendung von GoogleMaps konnten wertvolle Erkenntnisse über den Operationsraum gewonnen werden. Die Beurteilung des Geländes liefert Erkenntnisse darüber, welche Möglichkeiten es eigenen und feindlichen Kräften für Bewegung, Beobachtung, den Einsatz von Waffen und Gerät sowie für Einrichtungen bietet. Daher muss der militärische Führer vor Ort auch immer das Gelände aus Sicht des Feindes mitlesen und beurteilen.

Bei der Geländebeurteilung kommen die grundsätzlichen Fragestellungen der Geländeerkundung „Wo sehe ich was?“, „Wo kann ich wie wirken?“, „Wo bewege ich mich gedeckt?“, „Wo ist das Schlüsselgelände?“, „Wo ist Totraum?“ und „Wo entscheidet das Gelände?“ zum Tragen, denn Blau und Rot prüfen für sich: Wie kann ich das Gelände für meinen Auftrag in Bezug auf die Absicht der übergeordneten Führung zur Auftragserfüllung erfolgreich ausnutzen?

Gelände im taktischen Denken

Gelände prägt jede taktische Entscheidung. Es bestimmt, wo Kräfte gesehen, geführt, geschützt oder wirksam eingesetzt werden können. Wer das Gelände richtig beurteilt, kann eigene Stärken verstärken, gegnerische Vorteile brechen und den Verlauf eines Gefechts maßgeblich beeinflussen. Dabei spielen mehrere zentrale Begriffe eine Rolle, die das Verhältnis zwischen Gelände, Kräften und Absicht beschreiben.

Schlüsselgelände ist ein Geländeteil, dessen Besitz für den Erfolg der eigenen Absicht entscheidend ist. Wer Schlüsselgelände hält, kann das Gefechtsfeld strukturieren, gegnerische Bewegungen lenken und eigene Kräfte wirksam einsetzen. Die Identifikation von Schlüsselgelände ist daher ein Kernschritt der taktischen Beurteilung.

Toträume entstehen dort, wo Geländeformen oder Hindernisse die Sicht oder Wirkung einschränken. Senken, Böschungen, Waldkanten oder Bebauung können Bereiche verbergen, die von einer Stellung aus nicht eingesehen oder bekämpft werden können. Für den Gegner bieten Toträume verdeckte Annäherungswege; für eigene Kräfte stellen sie Sicherungslücken dar. Gleichzeitig können Toträume bewusst genutzt werden, um Bewegungen zu tarnen oder Kräfte geschützt zu verlegen.

Die Wirkung eigener und gegnerischer Waffen hängt stark vom Gelände ab. Offene Flächen begünstigen lange Wirkungsstrecken und klare Schussfelder, während Wald, Bebauung oder Geländekanten die Wirkung begrenzen oder kanalisieren. Höhenlagen ermöglichen überhöhte Wirkung, während Senken und Mulden Schutz bieten. Eine gute taktische Einschätzung der Waffenwirkung entscheidet darüber, wo Stellungen sinnvoll sind, welche Räume beherrscht werden und wo zusätzliche Sicherungsmaßnahmen notwendig werden.

Gelände beeinflusst, wo ein Schwerpunkt sinnvoll gesetzt werden kann: Engen, Übergänge oder Geländekanten eignen sich, um Kräfte zu bündeln und den Gegner zu zwingen, in den eigenen Wirkungsbereich einzulaufen. Gleichzeitig muss der Schwerpunkt so gewählt werden, dass er durch Gelände gedeckt, unterstützt und versorgt werden kann. Eine falsche Schwerpunktwahl führt zu verstreuten Kräften und geringer Wirkung.

Zu guter Letzt nutzt Täuschung das Gelände, um Absichten zu verbergen, Kräfte zu verschleiern oder den Gegner zu Fehlentscheidungen zu verleiten. Wald, Senken, Bebauung oder künstliche Hindernisse ermöglichen verdeckte Bewegungen, Scheinansätze oder das Verbergen von Kräften. Täuschung wirkt besonders dann, wenn sie glaubwürdig ist und durch das Gelände unterstützt wird: ein scheinbar günstiger Weg, eine auffällige Stellung oder eine bewusst erzeugte Lücke kann den Gegner in eine gewünschte Richtung lenken.

Schlüsselgelände, Toträume, Schwerpunkt, Waffenwirkung und Täuschung wirken im Verbund. Das Schlüsselgelände bestimmt, wo der Gegner gebunden oder geschlagen werden muss. Toträume zeigen, wo Risiken liegen oder verdeckte Annäherung möglich ist. Die Waffenwirkung definiert, welche Räume beherrscht werden können, und der Schwerpunkt bündelt Kräfte dort, wo Gelände und Absicht zusammenpassen. Die Täuschung nutzt Gelände, um den Gegner zu falschen Entscheidungen zu verleiten.

Oberst d. R. Biester fasst zum Schluss noch einmal zusammen: „Der militärische Führer, der diese Elemente im Gelände erkennt und miteinander verbindet, kann das Gefecht aktiv gestalten und die Initiative behalten oder gewinnen.“

Das Fazit der ersten Weiterbildung in diesem Jahr lautete auch diesmal wieder: „Taktik macht Spaß“!

Axel Rehwinkel, KL d. R.

Haus der Taktik:Ein Wochenende im Führungsprozess

Vorspann (Teaser)

Es ist Freitagabend in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Während andere ins Wochenende starten, beugen sich hier Reservisten über Lagekarten. Meine Geschichte: Ein Feldwebel zwischen Offizieren und Stabsoffizieren. Warum Führungskompetenz keine Frage des Dienstgrades ist und was man von einem Oberstleutnant a.D. mit 35 Jahren Erfahrung lernen kann.

Die Anreise: Effizienz trifft Motivation

Freitagmittag, 350 Kilometer Anreise von Zürich nach München. Der Kopf ist noch im zivilen Job, aber die Vorfreude steigt. Die Einschleusung durch den Verband der Reservisten (VdRBW) läuft überraschend digital und reibungslos: QR-Code scannen, Ausweis zeigen, drin. Keine Papierberge, kein Warten am Meldekopf – ein erstes Indiz, dass sich hier Dinge modernisieren.

Der „Elefant“ im Raum: Die Vorstellungsrunde

Pünktlich um 18:00 Uhr geht es im Gebäude 2 los. Der Blick durch den Hörsaal 0.10 offenbart schnell: Ich bin der Exot. Während um mich herum Eichenlaub und Pickel funkeln, trage ich den „Fisch“ auf der Schulter. Ich bin das „Küken“ – nicht unbedingt an Jahren, aber im Dienstgradgefüge.

Die Vorstellungsrunde bestätigt zunächst das Klischee: Viele Offiziere und Stabsoffiziere der Reserve sind anwesend. Doch dann offenbart sich die wahre Superkraft der Truppe – die zivilen Hintergründe. Wir sind kein homogener Block, sondern ein Querschnitt durch die High-Performer der Gesellschaft. Da sitzt ein Redakteur des Bayerischen Rundfunks neben einem Chirurgen und einem Polizeibeamten. Wir haben Ingenieure, Baumeister und Juristen in unseren Reihen. Ein CEO diskutiert mit einem Verantwortlichen der stationären Wohnungslosenhilfe. Vom Data-Security-Experten über den HR-Transformation Manager bis hin zum Schwerbehinderten-Rechtshelfer: Die Bandbreite an ziviler Kompetenz ist gewaltig.

Zwar fehlt vielen aufgrund ihrer fachlichen Verwendungen die Routine im Führen von geschlossenen Verbänden auf Bataillons- oder Regimentsebene, doch die mannigfaltigen zivilen Fähigkeiten gleichen dies durch andere Denkansätze aus. Genau hier holt uns das Seminar ab.

Unser Dozent, Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf, ist das erfahrene Scharnier zwischen diesen Welten. Über 35 Jahre Dienstzeit, davon 13 Jahre in Führungsverantwortung und 10 Jahre im Stab (inklusive Korps-Ebene). Seine Vita liest sich wie ein Geschichtsbuch der Bundeswehr-Einsätze: Von IFOR bis KFOR war alles dabei. Wenn er von „Führung“ spricht, meint er nicht Theorie, sondern gelebtes Handwerk. Es gibt keine Tätigkeit, die er nicht schon mal geleistet oder selbst gestaltet hat.

Freitagabend: Das Fundament und der Fahrplan

Bevor wir in die Lage einsteigen, wird der Rahmen gesteckt. Wir befinden uns im „Haus der Taktik“. Das Grundlagenseminar ist dabei nur der erste Stein. Das Konzept sieht drei darauf aufbauende Weiterbildungsseminare vor, gekrönt von einem zehntägigen SIRA-Durchgang (Simulationssystem für Rahmenlagen). Flankiert wird das Ganze mittlerweile von bis zu zehn Digitalausbildungen – ein deutliches Zeichen, dass der Dienstherr die Weiterbildung der Reserve massiv forcieren möchte (Details dazu finden Interessierte auch unter Taktik-Logistiklehrer.de).

Der restliche Abend widmet sich dem Handwerkzeug. Wir besprechen die vorab zu lesenden Ausbildungsunterlagen 1-5 und gehen tief in die Sprache des Militärs: Militärische Symbole. Es reicht nicht, einen Panzer zu erkennen. Wir deklinieren die Ebenen durch: Wie stelle ich eine Kompanie dar? Wie unterscheidet sie sich in der Symbolik von Bataillon, Regiment, Brigade oder Division? Wir pauken die Kampftruppenzeichen – Panzergrenadiere, Panzertruppe und Co. – bis die Hieroglyphen auf der Karte einen Sinn ergeben. Erst um 21:00 Uhr endet der erste Ausbildungstag mit der Abendverpflegung bei taktischen Gesprächen in der SANSIBAR.

Samstag: NATO-Standards und Gedankenautobahnen

Kameradschaft vor Dienstgrad

Der Samstag beginnt militärisch früh um 07:30 Uhr in der Truppenküche. Spätestens hier wird klar: Mein Dienstgrad spielt keine Rolle. Ich werde als vollwertiger Teilnehmer wahrgenommen. Es herrscht eine Wertschätzung auf Augenhöhe gegenüber Kameraden, die gemeinsam ihre Freizeit hergeben, um dem Land zu dienen. Das ist gelebte Kameradschaft, die weit über die Schulterklappe hinausgeht.

Das neue Vokabular der Bündnisverteidigung

Um 08:00 Uhr übernimmt Oberstleutnant Martin Müller die Einführung in die Einsatzgrundsätze. Wir tauchen tief in die Materie von „Rot“ (Feind) und „Blau“ (Eigene) ein. Ohne OPSEC-Grenzen zu verletzen, wird eine Wahrheit schnell deutlich: Als Teil von NATO und EU plant die Bundeswehr heute anders als früher. Die Bündnisverteidigung erfordert eine resolute Antwort auf Bedrohungen von außen.

Das bedeutet auch: Vokabeln lernen. Die alten deutschen Begriffe weichen der internationalen Interoperabilität:

  • Aus dem „Vorderen Rand der Verteidigung“ (VRV) wird die FEBA (Forward Edge of Battle Area).
  • Die „Sicherungs- und Aufnahmelinie“ (SL) wird zur phase line battle handover line (PL BHL).

Wir analysieren die Kampftruppendivisionsstrukturen, Kräfteverhältnisse und Verlustraten (KIA/MIA). Es ist eine nüchterne, mathematische Betrachtung des Krieges, die notwendig ist, um die Dynamik von Angriff und Verzögerung zu verstehen. Nur wer diese Zahlen kennt, begreift die Bedeutung der „Soft Factors“: Sanität, Combat Service Support (CSS) und eine robuste Logistik sind keine Anhängsel, sondern die Voraussetzung, um überhaupt auf unterschiedliche Lagen reagieren oder die Initiative ergreifen zu können.

Der Kommandeur im Kopf

Nach dem Mittagessen wird es ernst. Wir wechseln die Rolle: Jeder von uns ist nun Bataillonskommandeur des verstärkten Panzergrenadierbataillons 612. Ab hier führt uns Oberstleutnant a.D. Bettendorf durch den Führungsprozess.

Es ist faszinierend zu sehen, wie er uns vor Fehlannahmen bewahrt. Er zeigt uns „Gedankenautobahnen“ auf – strukturierte Denkwege, die verhindern, dass man sich im Chaos der Lage verliert. Wir arbeiten uns durch den Trichter:

  1. Auswertung des Auftrags: Was will die übergeordnete Führung wirklich?
  2. Beurteilung der Lage: Was bedeutet das Gelände für mich? Was macht der Feind?
  3. Entschluss: Wie reagiere ich?

Bettendorf fordert stetiges Mitdenken und – noch wichtiger – „Klarheit in den Gedanken“. Ein unklarer Gedanke führt zu einem unklaren Befehl, und das kostet im Ernstfall Leben. Als wir um 18:00 Uhr den fertigen Bataillonsbefehl stehen haben, rauchen die Köpfe. Der Ausklang mit einem Leberkäsweckle dauert bis 21:30 Uhr – auch hier wieder: Fachsimpeln, Netzwerken, Kameradschaft.

Sonntag: Dienst aus Überzeugung

Der Sonntag startet mit Stuben-Räumen und Frühstück, bevor es um 08:00 Uhr in den Endspurt geht. Pünktlich um 11:30 Uhr halten wir die Teilnahmebescheinigungen in den Händen.

Beim Blick auf die Urkunde wird mir eines bewusst: Es gibt hierfür keine ATN (Ausbildungs-Tätigkeits-Nachweis). Das bedeutet, dieses Wochenende bringt mir karrieretechnisch auf dem Papier wenig. Kein Laufbahn-Häkchen, keine automatische Beförderung. Aber genau das macht den Wert dieser Veranstaltung aus. Hier sitzen Reservisten – vom CEO bis zum Feldwebel –, die bereit sind, ihre Freizeit zu opfern, um ihren Eid mit Leben zu füllen. Wir üben, um das Land verteidigen zu können, nicht um den Lebenslauf zu polieren.

Fazit: Führen durch Wissen – Der Weg zum Reserveoffizier

Als ich mich am Sonntagmittag auf die 350 Kilometer Rückreise nach Zürich mache – als Deutscher in der Schweiz, der in der Heimat übt –, habe ich nicht nur taktisches Wissen im Gepäck, sondern auch ein klares Ziel vor Augen. Für mich ist dieses Seminar ein entscheidender Baustein für meinen nächsten großen Schritt: die Laufbahn des Reserveoffiziers.

Mein Credo lautet: Führen durch Wissen. Wer in Zukunft Verantwortung übernehmen will – sei es als Kompaniechef oder vielleicht sogar eines Tages als Bataillonskommandeur –, der muss das Handwerk von der Pike auf verstehen. Das Seminar hat mir geholfen, über den Tellerrand meiner aktuellen Verwendung zu blicken und die „Gedankenautobahnen“ meiner Vorgesetzten nachzuvollziehen. Wer führen will, muss verstehen, was er befiehlt.

Ich fühle mich nun bereit für mehr Verantwortung. Und sollte zufällig ein Verantwortlicher mitlesen, der einen motivierten Kopf für eine Reserveoffizierstelle adW sucht: Ich stehe bereit, das Gelernte in die Praxis umzusetzen.

Das „Haus der Taktik“ in München ist der Ort, an dem dieser Geist gefördert wird. Professionell, fordernd und auf Augenhöhe.

Danke Herr Oberstleutnant für diese spannenden Tage!

Nikolaij Lankoff

Feldwebel der Reserve

Das Panzergrenadierbataillon 514 im Gefecht

Taktik Aufbauseminar III vom 17.-19.10.2025 in Hannover.

Innerhalb von drei Tagen vermittelten die beiden Taktiklehrer OTL a.D. Manfred Bettendorf und Jürgen Baumer im dritten Teil der Taktik Aufbauseminare rund 20 Teilnehmern das Handwerk eines Bataillonsstabes im Gefecht.

Angefangen mit der Führungsorganisation und den Aufgaben eines militärischen Führers und seines Stabes. Der Unterricht beinhaltete die Gliederung der Führungsgrundgebiete oder Stabsabteilungen, den verschiedenen Gefechtsständen, der Gefechtsstandorganisation der einzelnen Gefechtsstände. Abgerundet wurde der Unterricht mit der Vorführung der beiden Gefechtsstandwände, Arbeitsplätze der S3 Offz (eigene Lage) und S2 Offz (Feindlage/Lage gegnerische Kräfte). Eine Auffrischung über die Kartenkunde legte die Grundlage für das Lagediktat, das die Lehrgangsteilnehmer ins Schwitzen brachte. Aus dem Lagediktat entwickelte sich die Lagedarstellung und daraus die Lagefeststellung, die der S2 Offz, S3 Offz und der Kommandeur für eine Idee des Gefechtes bzw. für die Beurteilung der Lage im laufenden Gefecht benötigen.

In Gruppenarbeiten wurden LVU, Weg- Zeitberechnungen der Gegner und der eignen Kräfte und daraus die Möglichkeiten der gegnerischen und eigenen Kräfte ermittelt. In einem weiteren Schritt wurden die Möglichkeiten der gegnerischen Kräfte und die der eigenen Kräfte gegenübergestellt und unter Beurteilung und Abwägen der Möglichkeiten ein Entschluss gefasst. Der Abschluss des Lehrgangs war dann der Gefechtsbefehl oder kurz FNAKI, den wir formulieren mussten.

Neben der Paukerei kam aber die Kameradschaft auch nicht zu kurz, sei es in den Pausengesprächen, bei der Gruppenarbeit oder beim Abendessen in der Pizzeria. Rundum ein gelungener Lehrgang, der uns alle persönlich und fachlich weiterbrachte.

                                                                                                         Oberfeldapotheker d. R. Sascha Schneider

Sicherheitspolitische Aspekte aus Sicht eines Seminarteilnehmers

Über die für die Taktik elementaren Begriffe, Symbole und Prozesse hinaus, wurde allen Kameradinnen und Kameraden erneut klar vor Augen geführt, dass theoretische militärische Lagen auf Karten in der Ostukraine zu einer alltäglichen brutalen Realität geworden sind. Dieser Krieg wird nächstes Jahr schon vier Jahre andauern und ein langfristiger Frieden ist weit außerhalb jeglicher Wahrscheinlichkeit. Zu den für die Ukraine zwei elementaren Fragestellungen, wie Deutschland zur Souveränität des Landes steht und wie die tapferen ukrainischen Soldatinnen und Soldaten in ihrem unermüdlich mutigen Kampf gegen die russische Invasion weiterhin unterstützt werden können, ist eine weitere hinzugekommen: Wie wird Deutschland kriegstüchtig? Um eine Antwort zu geben, wird die Bundesregierung intensiv gefordert, dies gilt nicht weniger für die Bevölkerung. Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der für viele Bürgerinnen und Bürger gefühlt fern ab scheint und meist nur in den Nachrichten dazu zwingt, sich dieser bitteren Realität kurzzeitig zu stellen, hat nun auch unmittelbare Konsequenzen für die Menschen in Deutschland. Eine zentrale Frage zum Erreichen der Kriegstüchtigkeit ist, wie der Personalkörper der Streitkräfte aufwachsen kann. Die Tatsachen: Aktuell sind rund 182.000 Mann in den Streitkräften aktiv (Quelle: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/zahlen-daten-fakten/personalzahlen-bundeswehr).

Bis 2029 ist eine Personalstärke von wenigstens 198.000 vorgesehen, bis 2031 eine Stärke von 203.000 und bis 2035 sollen es 260.000 Soldatinnen und Soldaten sein. Das zusätzliche Ziel, die Reserve langfristig bis zu 200.000 zu erhöhen, führt zu einer anvisierten Gesamtstärke von 460.000 Soldatinnen und Soldaten. So die Planung des Bundesministers der Verteidigung und des Ministeriums. Die Realität: Verteidigungsminister Pistorius hatte im Juni erklärt, dass bis zu 60.000 zusätzliche aktive Soldaten benötigt werden, um die künftigen Bündnis- und Landesverteidigungsanforderungen der NATO zu erfüllen. Die Zahl der aktiven Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr ist im September wieder unter 182.000 gefallen. Für diesen Rückgang im September war zwar vor allem die geringere Zahl der Freiwilligen Wehrdienst Leistenden (FWDL) ausschlaggebend (Quelle: Personalstärke September 2025: Weiterer Rückgang auf unter 182.000, fast 1.000 weniger SaZ – Augen geradeaus!). Der Generalinspekteur der Bundeswehr Carsten Breuer und andere ranghohe europäische Militärs warnen vor einem möglichen russischen Angriff auf die Nato bis 2029. Auch der namhafte Gustav Gressel, Hauptlehroffizier und Forscher an der Landesverteidigungsakademie des Bundesheeres in Wien, einer der profiliertesten Kenner der russischen Militärstrategie, warnt vor einem russischen Angriff auf die Nato. Europa sei völlig unvorbereitet und Deutschland würde zum Kriegsschauplatz. Seine düstere Prognose: Putin wird zuschlagen, wenn Europa sich nicht beeilt.

So die Fakten. Es sollte also nun jeder und jedem klar geworden sein, dass die Personalgewinnung der Streitkräfte ein Prokrustesbett geworden ist, das einen Kraftakt par excellence darstellt. Auf diese Weise ist der Wehrdienst zurück in das Zentrum der Verteidigungspolitik gerückt worden. In der Regierung sowie in der Parteienlandschaft wird simplifiziert die kontroverse Debatte geführt, ob der freiwillige Wehrdienst oder sogar wieder eine Reaktivierung der Wehrpflicht probate Mittel sind, die Funktionsfähigkeit der Streitkräfte für die Landes- und Bündnisverteidigung erneut herzustellen. Nach langem Ringen haben sich die Regierungsparteien auf die neue Ausgestaltung des neuen Wehrdienstes verständigen können. Weiterhin setzt die Koalition aber weiter auf Freiwilligkeit, zudem auf flächendeckende Musterungen und eine Zielmarke für den Aufwuchs der Streitkräfte. Erst im Fall einer zu niedrigen Freiwilligenzahl soll der Bundestag über eine sogenannte „Bedarfswehrpflicht“ entscheiden können. Das hierfür notwendige Gesetz soll Anfang Dezember verabschiedet werden und 2026 in Kraft treten. Damit sollen ab nächstem Jahr alle 18-Jährigen Männer einen zur Beantwortung verpflichtenden Fragebogen erhalten, der die Motivation und Eignung erfasst. Mit Inkrafttreten des Gesetzes beginnt die verpflichtende Musterung für ab dem 1. Januar 2008 geborenen Männer. Diese Maßnahme wird schrittweise dem Aufbau der Musterungskapazitäten auf den gesamten Jahrgang ausweitet werden.

Die Entscheidung, alle ab dem 1. Januar 2008 geborenen Männer zu mustern, um überhaupt zu wissen, wer für den militärischen Dienst geeignet ist, war logisch, zweckmäßig und unausweichlich. Die zweite zwingende Konsequenz steht jedoch noch aus. Dass die Wehrdienst- bzw. Wehrpflichtdebatte politisch, aber auch gesellschaftlich kontrovers geführt werden soll und wird, ist für die Gemeinheit konstruktiv und unerlässlich. Ob aber eine „Bedarfswehrpflicht“ unter der Prämisse einer realen Bedrohung und eines antizipierten Angriffs auf NATO-Territorium durch Russland spätestens 2029 sinnvoll ist, kann berechtigt bezweifelt werden.

Nach einer im Juni 2025 durchgeführten repräsentativen Umfrage waren rund 59 Prozent der Befragten der Meinung, dass Deutschland die im Jahr 2011 ausgesetzte Wehrpflicht wieder einführen sollte. 37 Prozent der Befragten sprachen sich hingegen gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht aus. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen sprachen sich 61 Prozent gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht aus (Quelle: Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/706672/umfrage/umfrage-zu-einer-wiedereinfuehrung-der-wehrpflicht-in-deutschland/). Dieses Ergebnis zeigt, dass in der Mehrheit der Bevölkerung die neue sicherheitspolitische Realität erkannt und akzeptiert wurde.   

So ist die unverzügliche Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland mehr als nur ein militärisches Gebot – sie ist ein Garant als Investition in die Sicherheit unseres Landes, in die Resilienz unserer Gesellschaft und in den Zusammenhalt unserer Jugend. In einer Zeit fundamentaler geopolitischer Gefahr muss die Verteidigungsfähigkeit neu gedacht und umgesetzt werden:

1. Stärkung der Abschreckung

Die primäre Aufgabe der Wehrpflicht ist die Sicherstellung einer robusten und schnell mobilisierbaren Bündnis- und Landesverteidigung.

Die Kriegstüchtigkeit wird nur erreicht, wenn die Truppe nicht nur technisch, sondern auch personell in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen. Eine attraktive, aber verpflichtende Dienstzeit schafft die nötige Breite und Tiefe an geschultem Personal.

Gleichzeitig muss die Resilienz der Gesellschaft durch den Auf- und Ausbau eines effektiven Zivilschutzes und einer Katastrophenhilfe ertüchtigt werden. In modernen Konflikten sind nicht nur militärische Ziele betroffen, sondern auch kritische Infrastrukturen (KRITIS), Kommunikationsnetze und die Zivilbevölkerung. Eine strategische allgemeine Dienstpflicht – die neben dem Wehrdienst auch eine Option im Zivil- oder Katastrophenschutz bietet – würde die gesamtgesellschaftliche Resilienz stärken. Ausgebildete Bürgerinnen und Bürger könnten im Fall von Cyberangriffen, Naturkatastrophen oder Pandemien sofort zur Unterstützung der Behörden herangezogen werden. Gleichlaufend würde das Verständnis für Sicherheit gestärkt werden. Der Dienst vermittelt grundlegendes Wissen über Notfallmaßnahmen, Erste Hilfe und das Verhalten in Krisensituationen. Das erhöht die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung als Ganzes.

2. Die Stärkung der Gemeinschaft

Die Wehrpflicht oder der allgemeine Dienst kann eine wichtige sozialisierende Funktion in unserer fragmentierten Gesellschaft übernehmen, eine Überwindung von Milieugrenzen ermöglichen und der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen dienen.

Junge Menschen aus allen sozialen Schichten, Bildungsniveaus und Regionen würden gezwungen, über einen begrenzten Zeitraum eng zusammenzuarbeiten. Dies fördert den gegenseitigen Respekt und das Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten, was in einer immer stärker polarisierenden Gesellschaft von unschätzbarem Wert ist. Der Dienst lehrt Pünktlichkeit, Disziplin, Führungsverantwortung und Teamfähigkeit – oft als “Soft Skills“ bezeichnet, die für den späteren Berufsweg unerlässlich sind. Er trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei und vermittelt ein Gefühl der Pflicht.

3. Das Prinzip der Gerechtigkeit

Neben der Freiheit genießen wir in Deutschland Wohlstand. Auch dieser ist keine Selbstverständlichkeit und setzt eine Erwirtschaftung und Lastenverteilung voraus.

Die Pflicht zur Verteidigung und zur Sicherung des Staates sollte nicht nur einer kleinen Gruppe von Freiwilligen überlassen bleiben. Die Wehrpflicht ist der Ausdruck, dass die Verteidigung unserer Demokratie und unserer Werte eine gemeinsame Aufgabe ist, die von allen Bürgerinnen und Bürgern, die davon profitieren, getragen werden muss. Es stellt einen fairen Ausgleich dar: Der Staat gewährt Rechte, und im Gegenzug fordert dieser die Erfüllung von Pflichten.

Schlussfolgerung: Ein weiterer Schritt nach der Musterungsentscheidung

Die Wiedereinführung einer intelligent konzipierten und flexiblen Wehrpflicht ist keine Rückkehr zur Vergangenheit, sondern eine zukunftsorientierte Antwort auf die heutigen Herausforderungen.

Sie sorgt für:

  1. Militärische Stärke und glaubhafte Abschreckung
  2. Zivile Resilienz im Krisenfall
  3. Sozialen Zusammenhalt und die Vermittlung wichtiger Werte

Deutschland muss sich seiner Verantwortung in Europa und der Welt uneingeschränkt stellen. Die Wehrpflicht ist dafür ein unverzichtbarer Baustein. Die Zeit ist gekommen nicht nur über die Zeitenwende zu reden, sondern sie durch konkrete Taten zu manifestieren. Das Prinzip der Zeitenwende darf nicht nur eine Idee sein. Sie muss durch unverzügliches Handeln mit ausreichend finanziellen Mitteln, moderner Ausrüstung und einer klaren Strategie unterfüttert werden.

Nur ein wehrhaftes Deutschland kann effektiv zur Sicherheit Europas und damit zu unserem eigenen Schutz beitragen. Wenn die demokratische Freiheit nicht jetzt verteidigt wird, wird sie in der Zukunft nicht mehr verteidigt werden müssen, weil es sie dann nicht mehr geben wird. 

Jetzt handeln – für unsere sichere Freiheit von morgen!

Hauptmann d. R. Marcel Borowski, M.A. und MPA

SIRA (Simulationsbasierte Rahmenstabsübung) ist das große Ziel! – Auf der Zielgeraden

Gruppenfoto der Teilnehmer des Taktikaufbauseminars III vom 05. bis 07.09.2025 in
München

Mit den Worten „SIRA ist das große Ziel“ eröffneten die Taktiklehrer Oberstleutnant a. D. Bettendorf und Oberstleutnant a. D. Baumer am 05.09.2025 das Taktikaufbauseminar III an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Im Mittelpunkt stand dieses Mal die Gefechtsstandsausbildung. Schon zu Beginn wurde in der Vorstellungsrunde die Vielseitigkeit der Reservisten der Bundeswehr deutlich, die aus ganz Deutschland nach München gekommen waren: Die Teilnehmer bringen Erfahrungen aus Bereichen wie dem Gesundheitswesen,  der IT, dem Öffentlichen Dienst sowie aus der Selbstständigkeit mit. Dies unterstreicht eindrucksvoll, wie Reserve und Gesellschaft voneinander profitieren und miteinander wechselwirken.

Die Ausbilder stellten das „Haus der Taktik“ vor – ein innovatives und aufeinander aufbauendes didaktisches Konzept für die Taktikausbildung im Reservistenverband. Dieses Konzept bietet für jeden Interessierten passende Seminare in erreichbarer Nähe – vom Grundlagenseminar bis hin zum anspruchsvollen Ziel SIRA. Dabei nimmt der Anteil der eigenständigen Arbeit der Teilnehmer gegenüber den Vorträgen der Ausbilder mit jedem Seminar zu. Besonders im dritten Seminar war das gleich erlebbar.

Bereits am Freitagabend startete die inhaltliche Arbeit: Von den Teilnehmern wurde ein Lagevortrag zur Unterrichtung verlangt. Viele wurden dadurch buchstäblich ins kalte Wasser geworfen, da das entsprechende Seminar schon eine Weile zurücklag. Doch gerade unter Stress müssen die Grundlagen sitzen und „üben übt!“. Zum Üben sind diese Seminare ja schließlich auch gedacht! Die ehrlichen und stets konstruktiven Rückmeldungen durch die Ausbilder halfen, fachlich zu wachsen und Selbstvertrauen zu gewinnen. Der Samstag war zunächst dem Aufbau eines Gefechtsstandes und einer Gefechtsstandwand gewidmet. Hier zeigte sich der praxisnahe Wert der Ausbildung: Die Teilnehmer lernten direkt von erfahrenen Profis und konnten individuelle Fragen stellen – schließlich waren die wenigsten bis jetzt „draußen“ auf einem realen Gefechtsstand.

Im Anschluss folgte die Kartenarbeit mit einem komplexen Lagediktat. Es galt, relevante Informationen korrekt zu erfassen und auf der Lagekarte einzutragen, denn eine akkurat geführte Karte ist Grundlage aller folgenden militärischen Entscheidungen.

Aus der veränderten Lage ergaben sich Erfolge der Kräfte ROT, auf die es zu reagieren galt. Nun erarbeiteten die Teilnehmer Schritt für Schritt Handlungsoptionen für den militärischen Führer. Die Herausforderung bestand darin, die Vielzahl an Informationen, die den militärischen Führer erreichen zu strukturieren, den Überblick zu behalten und das eigene Handeln stets kritisch zu hinterfragen. Ziel ist es, diesen Führungsprozess – wie später bei SIRA – auch unter Stress und Zeitdruck im laufenden Gefecht souverän zu beherrschen. Vielen war die Erleichterung anzusehen, dass sie sich noch in einer Übungssituation befanden. Die Gruppenergebnisse wurden anschließend vorgestellt, diskutiert und von den Ausbildern kritisch hinterfragt – ganz gemäß dem Leitsatz eines Ausbilders: „Der Führungsprozess im Gefecht ist Gedankenarbeit!“

Die souveräne Beherrschung des Handwerkszeuges ist der Schlüssel zum Erfolg

Der Sonntag stand im Zeichen der praktischen Umsetzung: Die Teilnehmer mussten die gemeinsam erarbeitete Lösung in einen prägnanten Befehl fassen, der funktauglich und eindeutig ist.

Alle Beteiligen blicken auf ein intensives und lehrreiches Wochenende zurück, das jeden forderte – oder wie es ein Teilnehmer ausdrückte: „Der Führungsprozess ist ein Hamsterrad!“ Jeder spürte, bei welchen Aspekten noch Übung und Wiederholung nötig sind, um das große Ziel SIRA zu erreichen. Die Ausbilder machten deutlich: „Ein Lehrgang ist kein Könngang!“

Zum Abschluss gilt besonderer Dank den Ausbildern für ihr ehrenamtliches Engagement und die Möglichkeit, von ihrem Erfahrungsschatz zu profitieren. Die aktuellen Entwicklungen in Europa zeigen, wie relevant Übungsszenarien ROT gegen BLAU wieder geworden sind. Auch Organisation und Rahmenbedingungen des Seminars – von der Kommunikation bis zur Verpflegung – wurden allseits gelobt. Alle fühlten sich an der Sanitätsakademie bestens aufgehoben. Vielen Dank und bis zum nächsten Seminar!

Oberstabsapotheker Dr. Christoph Wenzel

Taktikaufbauseminar I für Reservisten: Rückkehr in das Haus der Taktik

Seminarteilnehmer und Taktiklehrer

“[Die] Taktik [ist] die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges.” Carl von Clausewitz (1780 – 1831)

Der Arbeitskreis Taktik- und Logistiklehrer im Reservistenverband lud erneut zu einem Taktikseminar vom 29. bis 31. August 2025 an die Sanitätsakademie in München ein – und 25 Teilnehmende aus dem gesamten Bundesgebiet folgten motiviert dieser Einladung. Direkt nach der Ankunft am Haus der Taktik wurden alle Reservisten unterschiedlichster Dienstgrade aus diversen Truppengattungen, die im zivilen Berufsleben u. a. Studierende, Unternehmer, Angestellte, Beamte, Naturwissenschaftler, Ärzte und Professoren aktiv, von den Hausherren und Taktiklehrern Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer und Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf im Eingangsbereich begrüßt und hereingeführt. Gemein bei allen Hausgästen war die ausgeprägte Bereitschaft, das mitgebrachte Grundlagenwissen über die Taktik individuell zu prüfen, zu erweitern und zu vertiefen. Dazu wurden alle Teilnehmende anhand der Systematik im „Haus der Taktik“ vom Erdgeschoss in die erste Etage, auch als “Belle étage” bezeichnet, geführt, damit die unterschiedlichen Kenntnisse didaktisch gezielt zu einem homogenen Wissenstand geführt werden konnten. Bevor die militärischen Inhalte der Taktik in den Fokus der Lernvermittlung rückten, soll folgende – sich möglicherweise aufgedrängte – Frage beanwortet werden: Was ist das Haus der Taktik?

Der Arbeitskreis Taktiklehrer im Reservistenverband hat sich das hehre Ziel gesetzt, die auf den ersten Blick komplexe Thematik der Taktik in didaktisch sinnvoll aufeinander aufbauenden Modulen zu vermitteln. Um diese modular strukturierte Gesamtaufbildung plastisch darzustellen, wurde das Haus der Taktik konzipiert. Das Erdgeschoss, in der Systematik „Haus der Taktik“ bildet das Grundlagenseminar, es steht für die Grundlagenmodule, die in die Thematik einführen und das theoretische Fundament schaffen sollen. Schwerpunkte dieser Module sind allgemeine formale Fragestellungen, taktische Symbole sowie das Lesen und Führen von Lagekarten. Im Zentrum dieser Ausbildungseinheit stehen der Führungsprozess der Landsteitkräfte mit den Prozessabschnitten Lagefeststellung, Entscheidungsfindung, Planung und Befehlsgebung, die Grundsätze des Führungsverhaltens, die Auftragstaktik, das Führen von Kräften in Landoperationen nach dem Prinzip der Operation verbundener Kräfte und das Rollenverständnis des militärischen Führers.

In der bereits genannten über dem Erdgeschoss gelegenen „Belle étage“ befinden sich dann die Aufbauseminare I bis III, in denen die erworbenen theoretischen Grundlagen ausgebaut und verbunden mit praktischen Komponenten weiterentwickelt werden.

Im Aufbauseminar I widmeten sich die beiden langjährigen Taktiklehrer und Seminarleiter, Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer und Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf, der Aufgabe der Wissensvermittlung, die mit ihrer umfassenden Erfahrung aus der früheren dienstlichen Verwendung u. a. in internationalen Stäben und Auslandseinsätzen unschätzbare Expertise mitbrachten.

Zu Beginn wurde das Marschziel im weitläufigen Obergeschoss klar formuliert: Auf Grundlage des Führungsprozesses der Landstreitkräfte soll die Absicht der übergeordneten Führung analysiert werden. Mit dem Wissen um die geforderte eigene wesentliche Leistung, die von allen erwartet wurde, brachten die Seminarleiter alle auf einen einheitlichen Wissensstand, gaben die Lagekarte des Führungsprozesses mit und setzten anschließend die Kameraden geistig in Marsch. Es wurde von Beginn an sehr deutlich, dass eine wirksame und erfolgreiche Truppenführung zwar als ein kreativer, schöpferischer Prozess verstanden werden kann und sich daraus eine Vielzahl von Freiräumen ergeben, diese aber für eine Zielerreichung nicht ausreichend sind. Für einen nachhaltigen Erfolg bedarf es klar definierte fixe Prinzipien, die eine strukturierte Vorgehensweise nach dem deutschen „Führungsprozess der Landstreitkräfte” sicherstellen.

Die Systematik des Führungsprozesses mit seinen wiederkehrenden Phasen der Lagefeststellung, der Entscheidungsfindung, der Planung und der Befehlsgebung waren die Zwischenziele des geistigen Marsches. Der Führungsprozess setzte am Ausgangsszenario an, eine Verteidigung gegen feindliche Kräfte in Divisionsstärke zu prüfen, zu bewerten und daraus sachlogische Entscheidungen abzuleiten. Das gesamte Szenario in nuce: Der übergeordnete Brigadestab PzGrenBrig 51 als übergeordnete Führung hat seine Befehle ausgegeben und nun war es an den Teilnehmenden, in der Rolle eines Bataillonsstabes einen detaillierten Operationsplan für das verstärkte PzGrenBtl 514 zu konzipieren. Der Rhythmus des mentalen Marsches sah einen Wechsel zwischen Vortrag der Seminarleiter, Aufgabenpräsentation und -erläuterung und anschließender Gruppenarbeit vor.

Anschließend arbeiteten sich die Gruppen durch die verschiedenen Phasen des Führungsprozesses: die Analyse des Auftrages (Auswertung des Auftrages), die Beurteilung der Einflussfaktoren mit einer ausführlichen Beurteilung des Geländes und die Einschätzung der feindlichen Kräfte. Besonders anspruchsvoll war es, die eigenen Handlungsmöglichkeiten abzuschätzen und die für das Bataillon vorteilhafteste Option zu formulieren. Obwohl die reale Bearbeitungszeit für eine solche Aufgabe sehr kurz ist, konnten die Teilnehmenden in der Simulation die einzelnen Schritte des Prozesses in Ruhe durchgehen und verfeinern.

„Der militärische Führer ohne Reserve wird zum Beobachter großer Ereignisse!“ (GenLt a. D. Wiermann – ehemaliger Director General of the NATO International Military Staff im NATO-Hauptquartier)

Schwerpunkte lagen insbesondere bei der Auswertung des Auftrages gemäß Ziffer 3a des Brigadebefehls, der Geländebeurteilung sowie der elementaren Bedeutung der Reserve. Die Beurteilung der Einflussfaktoren, vor allem des Geländes, der Feindkräfte sowie der eigenen Kräfte folgte stringent dem Prinzip „Ansprechen! Beurteilen! Folgern!“. Diese Methodik ist sehr effektiv, um zeitnah eigene taktische Vorteile, die gleichzeitig Nachteile für den Feind darstellen und umgekehrt zu elaborieren. Auf diese Weise sollten die bestmöglichen Stellungsmöglichkeiten für die eigene Truppe – abstrakt für die gepanzerten Kampftruppen und konkret für das verstärkte PzGrenBtl 514 – abgeleitet werden. En passant eingewoben wurden neben den einzelnen Phasen des Führungsprozesses die Inhalte einer Stabsgliederung und deren Rolle beim LVU, die Einsatzgrundsätze der feindlichen Kräfte und die Ermittlung der Kampfkraft sowie die Absicht der einzelnen Feindkräftegruppierungen.

Hptm Borowski erklärt Angr FdKr

Die beiden Marschführer Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer und Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf beantworteten eine Vielzahl von Fragen aus dem Plenum und bereicherten das Seminar durch praktische Beispiele. Bei aller Anstrengung kam das leibliche Wohl nicht zu kurz. In vielen Marschpausen wurden neben Süßigkeiten auch Wasser und Kaffee bereitgestellt. Hervorragend geeignet um die Inhalte des Seminars weiter zu diskutieren, gegenseitig Inhalte zu erläutern, Vorgehensweise zu hinterfragen, Sachverhalte zu verstehen und natürlich auch um sich zu vernetzen. Um diese Marschpausen lukullisch über den gesamten Seminarzeitraum zu gestalten, war die omnipräsent kompetente Hausherrin und unverzichtbare Unterstützung der Seminarleiter, Frau Ines Aschbauer, verantwortlich.

Am Sonntag war das Marschziel vor Augen und es folgte auf Grundlage der erarbeiteten Ergebnisse die Möglichkeiten des Handelns zu identifizieren und diese in Entschlussform zu formulieren. Nach einem detaillierten Kampfkraftvergleich und Abwägen von Vor- und Nachteilen der Handlungsmöglichkeiten wurde die vorteilhafteste Handlungsmöglichkeit zum Entschluss und somit zur Ziffer 3a des BtlBefehls.  

Der kurze, aber intensive Marsch mit dem Führungsprozess als Leitprinzip stellte sicherlich eine Herausforderung dar, aber durch die souveräne Führung der Seminarleiter wurde jedem Teilnehmenden ein wesentlicher Lernfortschritt und -erfolg zuteil und alle hatten das Ausbildungsziel erreicht. Horrido – Joho!

Nach der Fortbildung ist vor der Fortbildung und hinter den Bergen sind weitere Berge. Um vom Obergeschoss zur Spitze des Daches zu gelangen, um dann den gesamten Überlick über das weite Feld der Taktik zu erhalten, sollten die inhaltlich anschließenden Aufbauseminare II (Geländeerkundung) und III (Gefechtsstandausbildung) noch auf derselben Etage absoliviert werden. Auf diese Weise schafft der zukünftig voll ausgebildete und versierte Taktiker die Voraussetzung, um an der siebentägigen Simulationsübung im SIRA-System (Simulationssystem für Rahmenübungen) in Hammelburg im Oktober 2026 teilzunehmen. Dort können die Reservistinnen und Reservisten die Phasen des Führungsprozesses in einer computergestützten Gefechtssimulation unter realistischen Bedingungen üben. Ziel ist es, Handlungssicherheit bei Führungsprozessen von Zug- bis auf Bataillonsebene zu erreichen.

Nach einem lehrreichen, unterhaltsamen und von Kameradschaft geprägten Wochenende war dennoch das Bewusstsein vorhanden, dass die Taktik nicht nur eine realitätsferne und abstrakte Gedankenspielerei darstellt. Auf die eindeutigen Luftraumverletzungen in Polen und Rumänien durch russische Drohnen im Zuge von friedensverachtenden Angriffen, folgte das Eindringen von feindlichen Kampfflugzeugen in den estnischen Luftraum. Der jüngste Drohnenvorfall in Dänemark setzt die Reihe russischer Provokationen nur fort. Das Testen von militärischen Möglichkeiten und Grenzen führte zu einer angemessenen und notwendigen Reaktion seitens der NATO: Die NATO verurteilte die im Luftraum ihrer Mitgliedsstaaten stattgefundenen Vorkommnisse, indem das Verteidigungsbündnis seine Entschlossenheit zum Handeln betonte und Russland unter Androhung von Gewalt vor weiteren Luftraumverletzungen warnte. In einer Erklärung aller 32 Bündnisstaaten heißt es:

“Für Russland sollte es keinen Zweifel geben: Die NATO und ihre Verbündeten werden im Einklang mit dem Völkerrecht alle notwendigen militärischen und nichtmilitärischen Mittel einsetzen, um sich zu verteidigen und alle Bedrohungen aus allen Richtungen abzuwehren.”

Diese Erklärung sollte alle Verantwortlichen zu einer Refokussierung auf die am 27. Februar 2022 erklärte Zeitenwende und deren Zielsetzung führen. Deutschland muss unverzüglich verteidigungsbereit werden! Die Zeit der “Friedensdividende” ist entgültig passé. Die akute Bedrohungslage ist real: Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist klar, dass militärische Aggression in Europa eine reale Möglichkeit ist. Russland wird von einem Großteil der Bevölkerung als konkrete Bedrohung für Deutschlands Sicherheit wahrgenommen. Die hybride Kriegsführung – von Cyberangriffen auf kritische Infrastrukturen bis hin zu Desinformation und Sabotage – findet bereits täglich statt. Bundeskanzler Merz hat bei einem Festakt zum Jubiläum in Berlin zum NATO-Beitritt der Bundesrepublik vor 70 Jahren den Anspruch Deutschlands auf eine Führungsrolle in der Militärallianz bekräftigt. Deutschland werde, so der Bundeskanzler, in den nächsten Jahren bei dieser Aufgabe vorangehen, den europäischen Pfeiler der NATO zu stärken. Dazu muss die Bundeswehr kriegstüchtig sein – nicht werden. Eine Verschiebung in ein fernes, ungewisses Morgen stellt eine Gefährdung des Friedens dar. Nur eine kriegstüchtige Bundeswehr kann glaubwürdige Abschreckung leisten und damit dem Frieden dienen.

Der Schutz von Demokratie und Werten darf nicht nur verfassungsgemäß für Deutschland oberste Priorität haben. Verteidigungsbereitschaft ist nicht nur militärisch, sondern auch gesamtgesellschaftlich zu verstehen. Sie schützt unsere plurale und offene Gesellschaft, unsere Freiheit und unsere demokratische Lebensweise vor äußeren und hybriden Angriffen. Es gilt die Resilienz zu stärken, um jegliche Intervention und Manipulation mit dem Ziel der Spaltung entgegenzuwirken.

Die proklamierte Zeitenwende war der Beginn einer neuen außen- und sicherheitpolitischen Phase. Jetzt muss der Zeitenwandel umgesetzt werden und die zweite Phase der Verteidigungsära münden – Frieden braucht Stärke! Dies erfordert ein unverzügliches Handeln mit ausreichend finanziellen Mitteln, moderner Ausrüstung, eine klare Strategie verbunden mit einer Meilensteinplanung und die sofortige Reaktiverung der Wehrpflicht.  

Wir Soldatinnen und Soldaten wissen, dass unsere Uniform nicht nur im Frieden glänzt. Unsere Uniform ist ein für jedermann erkennbares Bekenntnis: “Wir. Dienen. Deutschland.” Dies reicht aber nicht aus. Das äußere Bekenntnis muss die Grundlage sein, um zu einer weiterführenden, höheren und klaren inneren Haltung zu gelangen: “Wir. Dienen. Dem. Frieden!” Diese innere Überzeugung muss jederzeit prägend und bei allen Handlungen zur Geltung kommen, damit die jetzt und zukünftig unmissverständlich folgende Botschaft nach außen gesendet wird: “Wir. Sind. Bereit.” denn “Wir. Sind. Die. Bundeswehr!”

Anmelden und mitmachen

Interessenten aus den Dienstgradgruppen der Offiziere und Unteroffiziere mit Portepee in herausgehobener Dienststellung (Kompanie-Ebene, Zugführer, Kompanietruppführer, ab Bataillons-Ebene als S1- bis S6-Feldwebel) finden unter www.taktik-logistiklehrer.de die aktuellen Termine der kommenden Seminare für das Jahr 2025 und 2026. Die Termine für das Ausbildungsjahr 2026 werden vermutlich ab Ende Oktober/Anfang November 2025 auf der Homepage des Arbeitskreises Taktik veröffentlicht.

Hauptmann d. R. Marcel Borowski, M. A. & MPA

Reserve profitiert von Vielfalt – auch in der Taktikausbildung

Eine sprichwörtlich „bunte Truppe“ rückte am späten Nachmittag des 25.04.2025 in die Räumlichkeiten der SanAkBw in München ein. Unteroffiziere mit Portepee, Offiziersanwärter, Offiziere und Stabsoffiziere der Reserve sämtlicher Waffenfarben und Teilstreitkräfte hatten sich für das Wochenende einem Grundlagenseminar „Taktik“ unter der Leitung von OTL a.D. Manfred Bettendorf und OTL a.D. Jürgen Baumer verschrieben.

Nach der gut organisierten Einschleusung durch Frau Ines Aschbauer (Organisationleiterin der Geschäftsstelle Murnau) stellte OTL Jürgen Baumer das sogenannte „Haus der Taktik“ vor. Die Lehrgangsteilnehmer lernten den Aufbau der durch den Reservistenverband durchgeführten Seminare zum Thema Taktik kennen. Ziel ist, die Teilnehmer über mehrere Stufen für eine SIRA (Simulationsbasierte Rahmenstabsübung) zu qualifizieren.

Der weitere Abend bestand dann noch in der Einführung in die kommenden Tage und klang schlussendlich mit einer Brotzeit in den Räumlichkeiten der Betreuungseinrichtung SANSIBAR aus.

Für den Samstagvormittag lag der Schwerpunkt der Ausbildung im Wesentlichen unter dem Titel „Truppenführung“. Der Lehrgang befasste sich dabei mit den Grundlagen der soldatischen Führung. Einer der wesentlichen Grundsätze lautet dabei: „Wer Menschen führen will, muss Menschen mögen.“ Ein Grundsatz, da waren sich die Teilnehmer einig, der auch in der zivilen Arbeitswelt seine Berechtigung hat und dort wohl an der ein oder anderen Stelle auch mal zu kurz kommt.

Wesentlich für die weiteren Lernfortschritte war dann auch die Annäherung an das Thema „Auftragstaktik“ als elementarem Bestandteil deutscher Doktrin. OTL Bettendorf und OTL Baumer arbeiteten die Kernpunkte dieser Philosophie auf und grenzten diese zur Befehlstaktik ab, die bei anderen Armeen zum Einsatz kommt.

Nach weiteren Einheiten zu den Operationsgrundsätzen „Blau“, der Analyse einer ILÜ (Informationslehrübung) mit dem Inhalt „Gefecht der verbundenen Waffen“ sowie einem Überblick der Doktrin „Rot“ und deren Fähigkeiten war dann das Kennenlernen des „Führungsprozess der deutschen Landstreitkräfte“ der Schwerpunkt. Diesen zu verinnerlichen ist für die dynamische Gefechtsführung von essenzieller Bedeutung – wie die Teilnehmer am kommenden Tag noch in eigener Erfahrung lernen durften.

Zunächst endete der Lehrgang aber am Samstag aber dann mit der Vorstellung der Üb.-Lage WANTEWITZ und der Analyse des Befehls Nr 1 dieser Lage.

Auch den Samstagabend konnten die Teilnehmer dann bei Leberkäse und einigen Kaltgetränken zum weiteren Austausch und ersten taktischen Gesprächen nutzen. Der Austausch war rege und fruchtbar, auch hier zeiget sich dann nochmal wie spannend vielfältige Reserve mit ganz unterschiedlichen Werdegängen und Erfahrungen sein kann.

Nach dem Frühstück am Sonntag ging es dann unmittelbar in die Lage WANTEWITZ. Die Teilnehmer hatten als Kommandeur des Panzergrenadierbataillons den Auftrag, den Angriff einer mechanisierten Infanteriebrigade der wislanischen Armee abzuwehren. Hier nun konnte das in den vergangenen Tagen Erlernte zur Anwendung gebracht werden – auch wenn natürlich allen bewusst war, dass dies in der Kürze der Zeit nur erste Ideen der Gefechtsführung sein konnten. Dennoch gab es spannende und fundierte Lagevorträge, die durch die einzelnen Arbeitsgruppen vorgestellt wurden.

Im Fazit äußerten sich alle Teilnehmer sehr positiv zu dem Lehrgang – die Neu- und Wissbegierde jedenfalls ist nach dem Lehrgang deutlich geweckt – im Feedback äußerten etliche Kameraden dann auch den Wunsch, den Lehrgang möglicherweise noch, um ein paar Stunden zu verlängern. Auch die Möglichkeit, sich im Selbststudium im Vorfeld vorzubereiten wurde sehr begrüßt und könnte nach Ansicht der Teilnehmer noch intensiviert werden. In der Gesamtschau waren alle Teilnehmer sehr positiv zu Inhalten und Organisation des Lehrgangs.

Auch die Dozenten zeigten sich mit den Leistungen der Absolventen zufrieden, so dass dann alle am Sonntagmittag in zumindest noch ein kleines Restwochenende starten konnten.

                                                                Autor: Oberfähnrich d.R. Ilja Woitaschek

Oberfeldwebel Roßmeißl und Oberleutnant Lohmüller beim Studium der eigenen Lage
Arbeitsgruppe 4 bei der Analyse der Lage Rot
Feldwebel Wächter beim Lagevortrag unter den Augen von OTL Baumer

Die Kunst der Verteidigung

oder

Wie man durch einen strukturierten Prozess zum Ziel kommt

„Der General, der eine Schlacht gewinnt, stellt vor dem Kampf im Geiste viele Berechnungen an. Der General, der verliert, stellt vorher kaum Berechnungen an. So führen viele Berechnungen zum Sieg und wenig Berechnungen zur Niederlage – überhaupt keine erst recht! Indem ich diesem Punkt Aufmerksamkeit widme, kann ich voraussagen, wer siegen oder unterliegen wird.“ – Sunzi 544-496 v.Chr.

Zugegeben der Einleitungssatz ist sehr plakativ und dennoch zutreffend – auch wenn der Führungsprozess der Landstreitkräfte nicht wie eine Rechenaufgabe gelöst kann. – Am Beispiel der

Verteidigung des Thüringer Beckens übten die Reservisten unter Anleitung der Taktiklehrer OTL a.D. Manfred Bettendorf und OTL a.D. Jürgen Baumer den Führungsprozess der Landstreitkräfte.

Die Aufgaben, die die Lehrgangsteilnehmer zu bewältigen hatten, waren nicht unerheblich und im Vorfeld wurde viel Lernstoff zu Verfügung gestellt, den die Lehrgangsteilnehmer im Eigenstudium vorzubereiten hatten.

Die Problemstellung lautete: „Planen Sie eine Verteidigung für einen Raum gegen einen Gegner, der nummerisch in der Überzahl ist und halten Sie die Stellung, um dem übergeordneten Befehlshaber die Möglichkeit zum Gegenangriff zu bieten. Eingebettet in die Rahmenlage einer völkerrechtswidrigen Invasion mit großen Truppenkontingenten auf der Gegenseite und der Verteidigung eines NATO-Mitgliedes durch eine multinationale Koalition des Bündnisses auf der anderen, ermittelten die Teilnehmer in Gruppenarbeit zunächst auf Basis des Brigadebefehls den eigenen Auftrag und die wesentliche Leistung für den Auftrag – Auswerten des Auftrages (kurz AdA)

„PzGrenBtl 514 verstärkt vermindert verteidigt entlang der FEBA Staußfurt – Sömerda die Stellung 3.1, um so die Voraussetzung für die Zerschlagung der Folgekräfte durch den Gegenangriff Hammer der 5. Panzerdivision zu schaffen.“

In einem Lagevortrag zur Einleitung der Lagebeurteilung (LVEinl) ergaben sich erste Hinweise und Prüffragen, z.B.

„Wie kann mit dem Fluss Unstrut mit hohem Einsatzwert an der FEBA verteidigt werden?“

die in der anschließenden Beurteilung der Lage sukzessive abgearbeitet wurden. Stichwort Prüffragen. Hierzu wurden Informationen aus dem grafischen Operationsplan, genauso wie aus dem Brigadebefehl herangezogen, um das Lagebild allmählich zu verdichten.

In die Beurteilung gingen die Einflussfaktoren wie Umweltbedingungen (bspw. Winter, mit schlechter Sicht und Nebel/Schneefall bei Nacht), Informationsumfeld (Desinformation durch Feind), Bedrohungen, die Zivile Lage wie Flüchtlinge / Zurückgebliebene, NGO/GO uvm., die Feindlage – Gesamtüberblick, Kräftegruppierungen, Möglichkeiten und vermutete Absicht ein.

„Ein mechanisiertes Regiment mit zwei verstärkten mechanisierten Bataillonen nebeneinander, Schwerpunkt links und einem verstärkten mechanisiertem Bataillon im Schwerpunkt folgend, beidseits der Achse Alperstedt Herrnschwende nimmt den Raum Greußen als Zwischenziel des Regiments, greift danach…, um so die Voraussetzung für die Einführung Folgekräfte zu schaffen“

Vervollständigt wurde die Lagebeurteilung durch die Beurteilung der eigenen Kräfte mit Leistungsvermögen und Einsatzwert, die teils in Gruppenarbeit erarbeitet wurden und teils in Vorträgen die Themengebiete abgehandelt wurden.

Insbesondere bei der Feindbeurteilung und die Beurteilung der eigenen Truppen wurde die meisterliche Kunst der Taktiklehrer deutlich, die aus rechnerischen Größen und „Softskills“ ein belastbares Ergebnis für Feststellung der Lage erzeugten.

OSAp d.R. S. Schneider beim Vortrag der Arbeitsergebnisse

Anschließend wurden die die Möglichkeiten des eigenen Handelns in Entschlussform festgestellt. Die Taktiklehrer legten ein besonderes Gewicht auf die Form und den Gebrauch der richtigen Vokabeln und korrigierten die Teilnehmer, um sie auf den geforderten Stand zu bringen. Ziel war es, die beste Aufstellung für die Erreichung des Auftrages für Rot (Worst-Case-Szenario für Blau) als auch für Blau (Worst-Case-Szenario für Rot) zu finden.

Im folgenden Unterricht Kräfte und Fähigkeitsvergleich, also Gesamtkräfteverhältnis, Kräfte-/ fähigkeit und Einsatzwertvergleich wurde nun gefechtsphasenweise / abschnittsweise das beabsichtigte Gefecht im Hinblick auf die Feind-Freund-Kräfteverhältnis beurteilt. Wie viele Schützenpanzer hat Rot im Vergleich zu Blau, wie viele hat Kampffahrzeuge hat Blau insgesamt in Bezug auf den Feind. Wie viele Kampfpanzer haben die ersten zwei angreifende Bataillone Rot im Vergleich zu Bataillon Blau, wie ist das Kräfteverhältnis Rot versus Blau. Stimmen die Verhältniszahlen insgesamt und Phasenweisen, wie sind die Fähigkeiten in einzelnen zu bewerten.

Diese und weitere Fragen des Kräfte- und Fähigkeitsvergleich wurden schrittweise abgearbeitet.

 Am Schluss „wählten“ die Lehrgangsteilnehmer die beste Aufstellung für

die Erreichung des Auftrages aus und stellten diese wieder in Entschlussform dar.

In der Folge wurde jede Kompanie mit weiteren Kräften ausgestattet bzw. musste Teile abgeben, damit der Auftrag bestmöglich ausgeführt werden konnte – Stichwort Truppeneinteilung.

Am Ende des Lehrgangs stand der Entschluss und somit die Ziffer 3a des Befehl Nr.1 für die Verteidigung fest,

„PzGrenBtl 514 verstärkt vermindert verteidigt mit drei Kompanien nebeneinander und einer Panzerkompanie in Reserve entlang der FEBA Staußfurt – Sömerda die Stellung 3.1, um so die Voraussetzung für die Zerschlagung der Folgekräfte durch den Gegenangriff Hammer der fünften Panzerdivision zu schaffen. Das Gefecht wird in drei Phasen geführt:

  • Phase I Aufnahme von Teilen Aufnahme der Teile der altroverdischen Division
  • Phase II Verteidigung des zugewiesenen Verteidigungsraumes im Erfurter Becken
  • Phase III halten der Stellung 3.1
  • […]“

mit dem die Teilnehmer in der Geländebesprechung in den zweiten Teil des Aufbaulehrgangs Taktik starten werden. „To be continued…“

Fazit:

Es war wieder einmal ein sehr anspruchsvoller Lehrgang mit Teilnehmern aus allen Dienstgradgruppen vom Portepeeunteroffizier bis zum Stabsoffizier und allen TSK und Truppengattungen über Artillerie und Aufklärer über Panzertruppen bis hin zur Sanität.

 Die Zeit verging wie im Flug, und das lag vor allem an den beiden Taktiklehrern OTL a.D. Bettendorf und OTL a.D. Baumer. Sie vermittelten spannend, stringent die Lehrgangsinhalte und forderten, aber überforderten die Lehrgangsteilnehmer nicht. Das Konzept aus „kleinen“ „Kampfgruppen“ für die Gruppenarbeit und Unterrichtung verdichtete den Stoff schnell und bleibt für folgenden Lehrgänge im Kopf.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Organisation durch den VdRBw hier in Form von Frau Aschbauer wieder herausragend war. Chapeau!

Ebenso ist die Liegenschaft der Sanitätsakademie zu loben – ein Taktiklehrsaal auf die Bedürfnisse der Lehrgangsteilnehmer zugeschnitten und gepflegte Offiziersstuben mit Dusche und WC sind heute immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Ich kann jedem Reservisten nur empfehlen, die Taktikschulungen des VdRBw mitzumachen, egal ob es sich um die Gruppenführerebene oder wie hier um die Bataillons- oder Brigadeebene handelt. TAKTIK MACHT nicht nur SPASS, sondern die hier vermittelten Inhalte können universell in allen – und nicht nur militärischen- Bereichen eingesetzt werden, wenn es darum geht, strukturiert durch eine Problemstellung zu einem Ziel zu kommen.

Oberstabsapotheker d.Res. Sascha Schneider

Taktik Grundlagenseminar in Delitzsch

„Unsere Wehrhaftigkeit erfordert eine kriegstüchtige Bundeswehr.“ Bundesministerium der Verteidigung, Verteidigungspolitische Richtlinien 2023 vom 9. November 2023, S.9

Dieser zentrale Satz aus den Verteidigungspolitischen Richtlinien 2023 fasst den systemischen Paradigmenwechsel der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik prägnant zusammen, der das Leitmotiv für die Bundeswehr heute und in die Zukunft gerichtet darstellt. Die globale sicherheitspolitische Volatilität erfordert eine stringente und konsequente Refokussierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung im gesamtstaatlichen Kontext. Um diesen neuen Auftrag auch effektiv wahrnehmen zu können, muss die militärische Königsdisziplin „Taktik“ erlernt, verstanden und angewendet werden können.

Um sich das theoretische Rüstzeug zur Besteigung des Berges „Taktik“ anzueignen, haben sich 17 Teilnehmende aus den Laufbahngruppen der Offiziere und Unteroffiziere jeglicher Truppencouleur zum Grundlagenseminar vom 14. bis 16. Februar 2025 in der Feldwebel-Boldt-Kaserne im sächsischen Delitzsch eingefunden. Unter dem Motto „Taktik macht Spaß“ wurde hier unter der Führung der Taktik- und Logistiklehrer OTL a. D. Jürgen Baumer und OTL a. D. Henrik Guttau das konzeptionelle Fundament als unbekanntes Terrain erkundet.

Ziel war es, die Teilnehmenden das breite Spektrum der Taktik – von der Truppenführung und militärischen Symbolen über Führungsverhalten und Einsatzgrundsätze bis zur Stabsarbeit – heranzuführen und erste ggf. bestehende Hindernisse zu überwinden. Der Schwerpunkt des Seminars bildete dabei der Führungsprozess des militärischen Führers und die integrierte Entscheidungsfindung als integrale Komponente einer erfolgreichen Lageanalyse. Hierzu wurde von einer fiktiven militärischen Spannungslage ausgegangen, die prozessual strukturiert von den Teilnehmenden bearbeitet werden sollte. Die langjährige und extensive Expertise beider Ausbilder stellte eine wertvolle Unterstützung dar, mit deren Hilfe die einzelnen Prozessabschnitte von der Lagefeststellung über die Entscheidungsfindung und Planung bis zur Befehlsgebung auf Bataillonsebene detail- und bildreich thematisiert wurden. Zur inhaltlichen Vervollständigung wurden auch Grundsätze für die Führung von Lagekarten, Einsatzgrundsätze eigener und feindlicher Kräfte und Grundlagen der Stabsarbeit innerhalb eines Bataillonsgefechtsstands vermittelt. Die wechselnden theoretischen und praktischen Unterrichtseinheiten zeigten den engagierten Reservedienstleistenden, was erforderlich ist, um in der Taktik zu bestehen. Eine klare Herausforderung war die Stofffülle und die zügige Bearbeitung der praktischen Aufgaben, die in diversen Arbeitsgruppen gelöst werden sollten. Die Ergebnisse und Lösungsansätze der Kameraden zeugten von Handlungssicherheit und Lernfreude. Auf diese Weise entstand das Gefühl, die Taktik als effektive Methodik kennenzulernen – und dies nicht nur für den militärischen Bereich, sondern auch für den privaten bzw. zivilen Bereich. Dies basiert auf der Tatsache, dass der Führungsprozess der Bundeswehr einen geordneten Ablauf Entscheidungsfindung darstellt, der grundsätzlich unter den Prämissen von Informationsmangel, Zeitnot und -druck wirksam umgesetzt werden muss. Übertragen auf Situationen und Aufgaben im zivilberuflichen oder privaten Bereich kann dieser Führungsprozess helfen, folgende Kernfragen zu beantworten: Wie gestaltet sich die aktuelle Ausgangslage?  Was ist das Ziel? Welche Rahmenbedingungen bestehen? Welche Einflussmöglichkeiten bestehen und welche nicht? Wie sind valide Entscheidungen ableitbar? Und wie kann oder sollte auf diesen Entscheidungen gehandelt werden und bis wann? Wer sich diese Führungskompetenz aneignen kann, ist in jeglichen Organisationen sehr gefragt.

Am Ende des Seminars hatten alle Seminarteilnehmer verstanden, dass nur eine konsequente Anwendung des Führungsprozesses die Grundlage für ein entschlossenes, zielgerichtetes Handeln des militärischen Führers ist. In der Abschlussbesprechung bewerteten die Teilnehmer das Seminar in summa sehr positiv. Die Quintessenz kann daher wie folgt formuliert werden: Taktik macht Spaß!  

Die gesamte Lehrveranstaltung im Bereich der Aufnahme, der Verwaltung und Betreuung wurde durch den Org. Leiter GS, Herrn Steffen Bräutigam, logistisch nicht nur unterstützt, sondern auch zu einem sehr ausgeprägten positiven Erlebnis. Er sorgte jeden Tag für frische Heißgetränke und für einen absolut reibungslosen organisatorischen Ablauf. Ein zusätzlicher Dank gilt auch den Kameradinnen und Kameraden des Bezirksvorstandes, die im Hintergrund bei der Durchführung mitgewirkt haben.

Anmelden und mitmachen

Interessenten aus den Dienstgradgruppen der Offiziere und Unteroffiziere mit Portepee in herausgehobener Dienststellung (Kompanie-Ebene, Zugführer, Kompanietruppführer, ab Bataillons-Ebene als S1- bis S6-Feldwebel) finden unter www.taktik-logistiklehrer.de die aktuellen Termine der kommenden Seminare für das Jahr 2025.

Marcel Borowski, MPA und M.A. sowie OFR d. R.


PzGrenBtl 514 verteidigt erfolgreich gegen Kräfte der 4. (WIS) MechDiv im THÜRINGER BECKEN

An der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München fand vom 30. August bis 1. September 2024 das Aufbauseminar III zur „Taktischen Weiterbildung für Reserveoffiziere – Entscheidungsfindungsprozess in der laufenden Operationsführung Gefechtsstandausbildung“ statt. Die Leitung oblag den Taktik- und Logistiklehrern Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf und Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer, die zuletzt als Berufsoffiziere ihren Dienst versahen und sich über das reguläre Dienstzeitende hinaus für die Bundeswehr engagieren.

Über drei Tage wurden 24 Reservisten und aktive Soldaten aus dem gesamten Bundesgebiet zu den neuesten Kenntnissen der Führung im Gefecht in der defensiven Operationsart Verteidigung geschult. Dabei wurden mit Lagekarten und Handkarten anspruchsvolle Aufgaben zu Lagefeststellung und Lagedarstellung erarbeitet, Lagediktate aufgenommen und Gefechtsbefehle erstellt.

Ziel war es, dass die Teilnehmenden einen Gefechtsstand einrichten, als Kommandeur eine Lagebeurteilung durchführen und folgerichtige Entschlüsse formulieren sowie Operationspläne erstellen können. Ebenfalls wurde die Erstellung eines auf dieser Befehlsgebung basierenden Lagevortrags zur Unterrichtung geübt. Dieser baute auf den zuvor im Lagediktat gewonnenen Erkenntnissen auf. Die realistischen Eindrücke aus zahlreichen Einsätzen und Übungen, unterstützt durch den großen Erfahrungsschatz der Ausbilder, vermittelten den Teilnehmenden ein plastisches Bild von diesen Tätigkeiten. Die modularen und inhaltlich aufeinander aufbauenden Stränge der taktischen Weiterbildungen werden in einem abschließenden SIRA-Durchgang zusammengeführt. Dieser findet an der Infanterieschule HAMMELBURG vom 04.-11.10.2024 statt.

Den Soldatinnen und Soldaten wurde an diesem Wochenende die Gelegenheit geboten, im Rahmen einer anspruchsvollen Schulung, die auf den zuvor absolvierten Modulen aufbaute, die Arbeit auf einem Gefechtsstand und die Grundzüge der Taktik ebenen gerecht in der laufenden Operationsführung zu vertiefen.

Daneben wurden Erfahrungen, Tipps und Tricks ausgetauscht. Insbesondere die Arbeit in Arbeitsgruppen festigte das Netzwerk zwischen den Teilnehmenden sowie zwischen den neuen und altbekannten Gesichtern.

Herzlichen Dank Herrn Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf und Herrn Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer sowie dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. für das Engagement in Lehre und Ausbildung!

Taktik macht Spaß!                                                                             

 Maj A. Preising