Haus der Taktik:Ein Wochenende im Führungsprozess

Vorspann (Teaser)

Es ist Freitagabend in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München. Während andere ins Wochenende starten, beugen sich hier Reservisten über Lagekarten. Meine Geschichte: Ein Feldwebel zwischen Offizieren und Stabsoffizieren. Warum Führungskompetenz keine Frage des Dienstgrades ist und was man von einem Oberstleutnant a.D. mit 35 Jahren Erfahrung lernen kann.

Die Anreise: Effizienz trifft Motivation

Freitagmittag, 350 Kilometer Anreise von Zürich nach München. Der Kopf ist noch im zivilen Job, aber die Vorfreude steigt. Die Einschleusung durch den Verband der Reservisten (VdRBW) läuft überraschend digital und reibungslos: QR-Code scannen, Ausweis zeigen, drin. Keine Papierberge, kein Warten am Meldekopf – ein erstes Indiz, dass sich hier Dinge modernisieren.

Der „Elefant“ im Raum: Die Vorstellungsrunde

Pünktlich um 18:00 Uhr geht es im Gebäude 2 los. Der Blick durch den Hörsaal 0.10 offenbart schnell: Ich bin der Exot. Während um mich herum Eichenlaub und Pickel funkeln, trage ich den „Fisch“ auf der Schulter. Ich bin das „Küken“ – nicht unbedingt an Jahren, aber im Dienstgradgefüge.

Die Vorstellungsrunde bestätigt zunächst das Klischee: Viele Offiziere und Stabsoffiziere der Reserve sind anwesend. Doch dann offenbart sich die wahre Superkraft der Truppe – die zivilen Hintergründe. Wir sind kein homogener Block, sondern ein Querschnitt durch die High-Performer der Gesellschaft. Da sitzt ein Redakteur des Bayerischen Rundfunks neben einem Chirurgen und einem Polizeibeamten. Wir haben Ingenieure, Baumeister und Juristen in unseren Reihen. Ein CEO diskutiert mit einem Verantwortlichen der stationären Wohnungslosenhilfe. Vom Data-Security-Experten über den HR-Transformation Manager bis hin zum Schwerbehinderten-Rechtshelfer: Die Bandbreite an ziviler Kompetenz ist gewaltig.

Zwar fehlt vielen aufgrund ihrer fachlichen Verwendungen die Routine im Führen von geschlossenen Verbänden auf Bataillons- oder Regimentsebene, doch die mannigfaltigen zivilen Fähigkeiten gleichen dies durch andere Denkansätze aus. Genau hier holt uns das Seminar ab.

Unser Dozent, Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf, ist das erfahrene Scharnier zwischen diesen Welten. Über 35 Jahre Dienstzeit, davon 13 Jahre in Führungsverantwortung und 10 Jahre im Stab (inklusive Korps-Ebene). Seine Vita liest sich wie ein Geschichtsbuch der Bundeswehr-Einsätze: Von IFOR bis KFOR war alles dabei. Wenn er von „Führung“ spricht, meint er nicht Theorie, sondern gelebtes Handwerk. Es gibt keine Tätigkeit, die er nicht schon mal geleistet oder selbst gestaltet hat.

Freitagabend: Das Fundament und der Fahrplan

Bevor wir in die Lage einsteigen, wird der Rahmen gesteckt. Wir befinden uns im „Haus der Taktik“. Das Grundlagenseminar ist dabei nur der erste Stein. Das Konzept sieht drei darauf aufbauende Weiterbildungsseminare vor, gekrönt von einem zehntägigen SIRA-Durchgang (Simulationssystem für Rahmenlagen). Flankiert wird das Ganze mittlerweile von bis zu zehn Digitalausbildungen – ein deutliches Zeichen, dass der Dienstherr die Weiterbildung der Reserve massiv forcieren möchte (Details dazu finden Interessierte auch unter Taktik-Logistiklehrer.de).

Der restliche Abend widmet sich dem Handwerkzeug. Wir besprechen die vorab zu lesenden Ausbildungsunterlagen 1-5 und gehen tief in die Sprache des Militärs: Militärische Symbole. Es reicht nicht, einen Panzer zu erkennen. Wir deklinieren die Ebenen durch: Wie stelle ich eine Kompanie dar? Wie unterscheidet sie sich in der Symbolik von Bataillon, Regiment, Brigade oder Division? Wir pauken die Kampftruppenzeichen – Panzergrenadiere, Panzertruppe und Co. – bis die Hieroglyphen auf der Karte einen Sinn ergeben. Erst um 21:00 Uhr endet der erste Ausbildungstag mit der Abendverpflegung bei taktischen Gesprächen in der SANSIBAR.

Samstag: NATO-Standards und Gedankenautobahnen

Kameradschaft vor Dienstgrad

Der Samstag beginnt militärisch früh um 07:30 Uhr in der Truppenküche. Spätestens hier wird klar: Mein Dienstgrad spielt keine Rolle. Ich werde als vollwertiger Teilnehmer wahrgenommen. Es herrscht eine Wertschätzung auf Augenhöhe gegenüber Kameraden, die gemeinsam ihre Freizeit hergeben, um dem Land zu dienen. Das ist gelebte Kameradschaft, die weit über die Schulterklappe hinausgeht.

Das neue Vokabular der Bündnisverteidigung

Um 08:00 Uhr übernimmt Oberstleutnant Martin Müller die Einführung in die Einsatzgrundsätze. Wir tauchen tief in die Materie von „Rot“ (Feind) und „Blau“ (Eigene) ein. Ohne OPSEC-Grenzen zu verletzen, wird eine Wahrheit schnell deutlich: Als Teil von NATO und EU plant die Bundeswehr heute anders als früher. Die Bündnisverteidigung erfordert eine resolute Antwort auf Bedrohungen von außen.

Das bedeutet auch: Vokabeln lernen. Die alten deutschen Begriffe weichen der internationalen Interoperabilität:

  • Aus dem „Vorderen Rand der Verteidigung“ (VRV) wird die FEBA (Forward Edge of Battle Area).
  • Die „Sicherungs- und Aufnahmelinie“ (SL) wird zur phase line battle handover line (PL BHL).

Wir analysieren die Kampftruppendivisionsstrukturen, Kräfteverhältnisse und Verlustraten (KIA/MIA). Es ist eine nüchterne, mathematische Betrachtung des Krieges, die notwendig ist, um die Dynamik von Angriff und Verzögerung zu verstehen. Nur wer diese Zahlen kennt, begreift die Bedeutung der „Soft Factors“: Sanität, Combat Service Support (CSS) und eine robuste Logistik sind keine Anhängsel, sondern die Voraussetzung, um überhaupt auf unterschiedliche Lagen reagieren oder die Initiative ergreifen zu können.

Der Kommandeur im Kopf

Nach dem Mittagessen wird es ernst. Wir wechseln die Rolle: Jeder von uns ist nun Bataillonskommandeur des verstärkten Panzergrenadierbataillons 612. Ab hier führt uns Oberstleutnant a.D. Bettendorf durch den Führungsprozess.

Es ist faszinierend zu sehen, wie er uns vor Fehlannahmen bewahrt. Er zeigt uns „Gedankenautobahnen“ auf – strukturierte Denkwege, die verhindern, dass man sich im Chaos der Lage verliert. Wir arbeiten uns durch den Trichter:

  1. Auswertung des Auftrags: Was will die übergeordnete Führung wirklich?
  2. Beurteilung der Lage: Was bedeutet das Gelände für mich? Was macht der Feind?
  3. Entschluss: Wie reagiere ich?

Bettendorf fordert stetiges Mitdenken und – noch wichtiger – „Klarheit in den Gedanken“. Ein unklarer Gedanke führt zu einem unklaren Befehl, und das kostet im Ernstfall Leben. Als wir um 18:00 Uhr den fertigen Bataillonsbefehl stehen haben, rauchen die Köpfe. Der Ausklang mit einem Leberkäsweckle dauert bis 21:30 Uhr – auch hier wieder: Fachsimpeln, Netzwerken, Kameradschaft.

Sonntag: Dienst aus Überzeugung

Der Sonntag startet mit Stuben-Räumen und Frühstück, bevor es um 08:00 Uhr in den Endspurt geht. Pünktlich um 11:30 Uhr halten wir die Teilnahmebescheinigungen in den Händen.

Beim Blick auf die Urkunde wird mir eines bewusst: Es gibt hierfür keine ATN (Ausbildungs-Tätigkeits-Nachweis). Das bedeutet, dieses Wochenende bringt mir karrieretechnisch auf dem Papier wenig. Kein Laufbahn-Häkchen, keine automatische Beförderung. Aber genau das macht den Wert dieser Veranstaltung aus. Hier sitzen Reservisten – vom CEO bis zum Feldwebel –, die bereit sind, ihre Freizeit zu opfern, um ihren Eid mit Leben zu füllen. Wir üben, um das Land verteidigen zu können, nicht um den Lebenslauf zu polieren.

Fazit: Führen durch Wissen – Der Weg zum Reserveoffizier

Als ich mich am Sonntagmittag auf die 350 Kilometer Rückreise nach Zürich mache – als Deutscher in der Schweiz, der in der Heimat übt –, habe ich nicht nur taktisches Wissen im Gepäck, sondern auch ein klares Ziel vor Augen. Für mich ist dieses Seminar ein entscheidender Baustein für meinen nächsten großen Schritt: die Laufbahn des Reserveoffiziers.

Mein Credo lautet: Führen durch Wissen. Wer in Zukunft Verantwortung übernehmen will – sei es als Kompaniechef oder vielleicht sogar eines Tages als Bataillonskommandeur –, der muss das Handwerk von der Pike auf verstehen. Das Seminar hat mir geholfen, über den Tellerrand meiner aktuellen Verwendung zu blicken und die „Gedankenautobahnen“ meiner Vorgesetzten nachzuvollziehen. Wer führen will, muss verstehen, was er befiehlt.

Ich fühle mich nun bereit für mehr Verantwortung. Und sollte zufällig ein Verantwortlicher mitlesen, der einen motivierten Kopf für eine Reserveoffizierstelle adW sucht: Ich stehe bereit, das Gelernte in die Praxis umzusetzen.

Das „Haus der Taktik“ in München ist der Ort, an dem dieser Geist gefördert wird. Professionell, fordernd und auf Augenhöhe.

Danke Herr Oberstleutnant für diese spannenden Tage!

Nikolaij Lankoff

Feldwebel der Reserve