
Vorspann (Teaser)
Wer führen will, muss den Kampf der verbundenen Waffen nicht nur verstehen, sondern planen können. Nach den Grundlagen folgt die Kür: Das Aufbauseminar I an der Sanitätsakademie in München. Ein Wochenende im Zeichen von Zeitdruck, Feindaufklärung und der Frage, wie man aus einem unübersichtlichen Lagebild einen klaren Operationsbefehl für ein Bataillon formt. Ein Erfahrungsbericht, der streng den Vorgaben der OpSec (Operational Security / Sicherheit der Operationen) folgt – weshalb bewusst nicht alle taktischen Details wiedergegeben werden.
Die Rückkehr nach München: Die Schonzeit ist vorbei
Es ist Freitagabend, der 10. April 2026. Wieder liegen 350 Kilometer von Zürich nach München hinter mir. Als ich Gebäude 2 in der Sanitätsakademie der Bundeswehr betrete, ist die Atmosphäre eine andere als noch beim Grundlagenseminar. Man kennt sich, man grüßt sich – und man weiß, dass dieses Wochenende keine reine Theorieveranstaltung wird.
Wir sind hier für das „Aufbauseminar I SÜD“. Das Thema auf dem Dienstplan klingt nüchtern: Planung des Einsatzes eines Verbandes in der Verteidigung. Doch in der Sprache der Truppenführung bedeutet das: Stabsarbeit unter Hochdruck. Dieses Mal geht es nicht mehr nur darum, militärische Symbole auf Bataillons- oder Brigadeebene zu lesen. Es geht darum, sie selbst auf die Karte zu bringen und Leben in sie einzuhauchen.
Pünktlich um 18:00 Uhr im Hörsaal 0.10 machen die Dozenten, Oberst d.R. Dr. Grandel, Oberstleutnant a.D. Baumer und Oberstleutnant a.D. Bettendorf, klar: Der Entschluss eines Kommandeurs ist nur so gut wie der Stab, der ihm zuarbeitet. Und genau dieser Stab sind an diesem Wochenende wir. Als wir um 21:15 Uhr in den Festsaal zum Abendessen verlegen, drehen sich die taktischen Gespräche bereits voll um die uns zugewiesene Rahmenlage. Der erste Abend zeigt: Wie schon beim Grundlagenseminar wird die Ausbildung von hoch kompetenten Dozenten mit langjähriger Erfahrung durchgeführt, die es mit fachlichem Können und Humor immer wieder schaffen, die Kameraden auf die richtige „geistige Autobahn“ zu senden.
Samstag: Die harte Mathematik des Krieges
Am Samstagmorgen, nach dem obligatorischen Frühstück in der Truppenküche, beginnt um 08:15 Uhr der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser. Ein kurzer Lagevortrag zur Unterrichtung nach Erhalt eines neuen Auftrages bringt uns auf den aktuellen Stand. Die Herausforderung lautet: Ef nEnA – die Entscheidungsfindung nach Erhalt eines neuen Auftrags.
Unser Szenario reißt uns aus der Theorie direkt in die strategische Realität der Bündnisverteidigung: Wir agieren im Rahmen der NATO, um den Übergriff eines Aggressors auf einen Verbündeten abzuwehren. Konkret schlüpfen wir in die Rolle des Panzergrenadierbataillons 514 (PzGrenBtl 514). Unser Auftrag: Das Bataillon in der Verteidigung zu führen.
Doch die Lage ist hochkomplex – unser Verband ist „verstärkt und vermindert“. Das bedeutet, wir kämpfen nicht in unserer Friedensgliederung. Wir geben eigene Kompanien ab, erhalten dafür aber fremde Kräfte unterstellt. Ein organisatorischer Kraftakt, bevor überhaupt der erste Schuss fällt. Bis zum Mittagessen um 11:20 Uhr zwingt uns der Führungsprozess in ein enges Korsett aus Logik und Zeit. Es ist wie ein Trichter, durch den wir uns arbeiten müssen:
- Auswertung des Auftrages (AdA): Was ist die wesentliche Leistung, die von unserem Bataillon erwartet wird? Wenn wir diese Kernforderung in unserem Gefechtsstreifen nicht erfüllen, scheitert die Absicht der übergeordneten Brigade.
- Beurteilung der Einflussfaktoren: Hier beginnt die eigentliche intellektuelle Schwerstarbeit. Aus der bedruckten Karte wird plötzlich die reale Geografie von deutschen Ortschaften. Das Gelände diktiert uns unerbittlich, wo wir den Feind überhaupt stoppen können. Der das Gelände durchschneidende Fluss wird vom blauen Strich auf dem Papier zum entscheidenden Panzerhindernis. Ein Geländepunkt wie die „Höhe 203“ ist nicht nur ein Aussichtspunkt, sondern Schlüsselgelände, das wir zwingend behaupten müssen. Selbst scheinbar harmlose zivile Infrastruktur fließt in die Planung ein: Wir müssen großflächige Windparks berücksichtigen, da deren Rotoren Sensoren und Waffensysteme (WaSys) empfindlich stören können.
Der Gegenangriff (CATK): Das Schwert der Verteidigung
Nach der Mittagspause richten wir den Blick auf den Gegner. Ein Lehrfilm zu den Einsatzgrundsätzen des Feindes im Angriff macht deutlich, worauf wir uns einstellen müssen. Taktik ist hier keine Philosophie, sondern harte Mathematik. In meinen Notizen häufen sich die Rechnungen: Wie lange braucht der gegnerische Verband mit seinen T-72 Kampfpanzern und BMP-3 Schützenpanzern für eine bestimmte Strecke? Sprechen wir von 10 bis 40 Minuten oder eher von zwei Stunden? Wo liegt sein Schwerpunkt? Wann beginnt er mit der Auffächerung? Wie viel Panzer, Schützenpanzer und Artillerie hat er dabei?
Wir jonglieren mit den Begriffen der NATO-Verteidigung: Wo befindet sich die FEBA (Forward Edge of Battle Area)? Wo befindet sich die BHL (Battle Handover Line), an der ausweichende eigene beziehungsweise verbündete Truppen aufgenommen werden? Wer nimmt die Truppen auf?
Besonders intensiv diskutieren wir am späten Nachmittag den Einsatz der Reserve. Verteidigung bedeutet im modernen Gefecht nicht, sich einzugraben und abzuwarten. Verteidigung wird beweglich geführt. Wir haben immer den CATK (Counter Attack / Gegenangriff) der Brigade im Hinterkopf. Wo lenken und stauen wir den Feind durch Sperren, um ihn dann im Gegenangriff unserer oder der übergeordneten Reserve in der Flanke zu fassen und zu zerschlagen? Die Abwägung der Möglichkeiten eigenen Handelns fordert uns mental alles ab, bis um 18:00 Uhr der Entschluss steht. Jeder taktische Vorteil erkauft sich ein Risiko an anderer Stelle. Wie hoch sind wohl unsere Verluste bei dem Plan, den Feind aufzuhalten? Auch hier wieder der Gedanke: Unsere Ausbildung kann das Leben von Kameradinnen und Kameraden retten. Wir sind zwar „nur“ die Reserve, aber das Credo lautet unverblümt: „Geben wir uns Mühe!“.

Sonntag: Die Stunde der Wahrheit – Der LVU
Am Sonntag gipfelt die gesamte Stabsarbeit des Wochenendes in der Königsdisziplin: Dem Lagevortrag zur Unterrichtung (LVU). Um 08:15 Uhr tritt ein Kamerad in der Rolle des Kommandeurs PzGrenBtl 514 vor den „Brigadekommandeur“.
Wer den Entschluss gefasst hat, muss ihn auch präsentieren und verteidigen können. Struktur ist hier alles: Auftrag, Feindlage, eigene Lage, eigene Absicht, besondere Führungsprobleme und schließlich die Zusammenfassung. Man steht vor der Lagekarte, präsentiert den eigens entworfenen grafischen Operationsplan und muss auf kritische Nachfragen sofort schlüssige Antworten liefern. Hier zeigt sich, wer die „Gedankenautobahnen“ wirklich verinnerlicht hat und wer sich im Detail verloren hat. Es ist ein Stresstest für Klarheit und Präzision im Denken. Im Anschluss gießen wir den Entschluss noch formal in einen Operationsplan und die Befehlsgebung, bevor der Lehrgang gegen 11:00 Uhr sein Ende findet.
Fazit: Die Basis für die Verantwortung von morgen
Als ich am Sonntagmittag mit der Teilnahmebescheinigung in der Hand die Akademie verlasse, ist die Erschöpfung spürbar, aber die Motivation ungebrochen. Wieder gibt es für dieses Wochenende keine ATN, keinen formellen Karriereschritt auf dem Papier.
Doch für mich als Feldwebel, der das klare Ziel hat, Reserveoffizier zu werden, war dieses Seminar ein entscheidender Katalysator. Mein Credo „Führen durch Wissen“ hat hier seine praktische Anwendung gefunden. Wer in Zukunft Verantwortung übernehmen will – sei es als Kompaniechef oder im Stab eines Bataillons –, der muss das Handwerk von der Pike auf verstehen. Das Seminar hat mir geholfen, über den Tellerrand meiner aktuellen Verwendung zu blicken.
Das Aufbauseminar im „Haus der Taktik“ hat gezeigt: Truppenführung ist ein Handwerk, das man lernen und trainieren kann!
Autor:
Fw d.R. Nikolaj Lankoff
