Lage auf der Karte, Funk im Ohr: Führung im laufenden Gefecht

PzGrenBtl 514, Einbruch bei der 2. Kp

Vorspann (Teaser)

Kein Plan überlebt die erste Feindberührung – eine alte militärische Weisheit, die im Aufbauseminar III an der Sanitätsakademie in München lebendige Realität wurde. Nach den Grundlagen und der vorbereitenden Planung ging es für die Reservisten nun in die dynamische Phase: Die Entscheidungsfindung in der laufenden Operation (EF lfd OpFü). Ein Wochenende zwischen Lagediktaten, Gefechtsstandwand, dem Einsatz der Reserve und schnellen Gefechtsbefehlen nach FNAKI – inklusive eines realen Stromausfalls, der den Wert des analogen Führungshandwerks schlagartig bewies. Ein Erfahrungsbericht unter Wahrung sämtlicher OpSec-Bestimmungen.

Freitag: Rückkehr an die Gefechtsstandwand

Freitag, 25. September 2026. Zum dritten Mal in diesem Jahr führt mich der Weg aus Zürich über 350 Kilometer Autobahn nach München zur Sanitätsakademie der Bundeswehr. Die Routine bei der Ankunft sitzt, die Gesichter im Hörsaal 0.10 sind mittlerweile vertraut. Doch die Marschrichtung für das Wochenende ist eine völlig neue: Das Aufbauseminar III SÜD widmet sich nicht mehr der ausgedehnten Planung am grünen Tisch, sondern der Zerreißprobe im laufenden Gefecht.

Schon am Freitagabend machen die erfahrenen Dozenten – Oberst d.R. Dr. Andreas Grandel, Oberstleutnant a.D. Jürgen Baumer und Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf – deutlich, worauf es ankommt: Führungsorganisation und Durchhaltefähigkeit. Wir lernen, wie ein Hauptgefechtsstand (GefStd H) staffelweise arbeitet, warum ein ständiger Gefechsstandwechsel aufgrund der Bedrohungslage in kurzen Zeitintervallen überlebenswichtig ist und welche Schlüsselrolle der Unterstützungsgefechtsstand (GefStd U) spielt. Bei den taktischen Gesprächen nach Einnahme der Abendverpflegung ab 21:15 Uhr ist die Vorfreude spürbar – aber auch der Respekt vor der Dynamik, die uns am Samstag erwarten wird.

Stromausfall in der Kaserne, LVU vor dem Gebäude

Samstag Vormittag: Das Handwerk der Gefechtsstandwand – und der Ernstfall im Hörsaal

Nach dem Frühstück um 07:30 Uhr beginnt der Samstag mit militärischer Präzision. Um 08:15 Uhr erfolgt die Auffrischung und der einleitende Lagevortrag zur Unterrichtung (LVU). Ab 09:00 Uhr steht das elementare Handwerkszeug im Mittelpunkt: die Gestaltung der Gefechtsstandwand anhand der vorbereiteten Übersichten und Karten.

Wir zeichnen Bezugspunkte, berechnen die Verfügbarkeit nach Raum und Zeit und bereiten die Lagekarten analog vor. Und wie schnell aus theoretischen Annahmen gelebte Realität wird, erfahren wir noch am selben Vormittag am eigenen Leib: Im Lehrsaalgebäude gehen sämtliche Lichter aus – Stromausfall über mehrere Stunden!

Keine Bildschirme, keine Beamer, keine Steckdosen. Was in manchem zivilen Bürobetrieb zum sofortigen Stillstand führt, wird hier zur besten denkbaren Ausbildungslage. Kurzerhand packen wir unsere Kartenbretter, Folien und Fettstifte und verlegen nach draußen ins Freie. Unter freiem Himmel, im natürlichen Tageslicht, nehmen wir die Lagediktate auf und führen die Karten fort.

Genau dieser Moment brennt sich ein: Moderne Führungsinformationssysteme und Computer sind wertvoll, aber im Ernstfall – unter elektronischem Kampf, Stromausfall oder Ausfall digitaler Netze – entscheidet das analoge Handwerk. Wer die militärischen Symbole nicht blind im Schlaf auf die Folie zeichnen und aus einem Funkdiktat mit Fettstift ein klares Lagebild zimmern kann, verliert im Gefecht die Orientierung.

Hier wird der fundamentale Unterschied zwischen Lagedarstellung und Lagefeststellung greifbar:

  • Die Lagedarstellung ist das saubere, wertfreie Eintragen eingehender Meldungen.
  • Die Lagefeststellung ist die unmittelbare Bewertung für/von den/dem Kommandeur.


Die Theorie leitet über in die Praxis – und dann prasseln die Funkmeldungen im Lagediktate im Minutentakt auf uns ein. Funkmeldungen überschlagen sich:

  • „Feindliche Panzerspitzen bei Koordinate XY erkannt!“
    • „Eigene Kompanie meldet Ausfall von Gefechtsfahrzeugen, Kampfkraft sinkt auf 50 Prozent!“
    • „Feind durchbricht Verteidigungslinie und gewinnt Brückenkopf!“

Samstag Nachmittag: „Feind bricht ein!“ – Entscheidungsfindung unter Zeitdruck

Jetzt greift die Entscheidungsfindung in der laufenden Operation (EF lfd OpFü). Für stundenlange Stabsarbeit ist keine Zeit mehr. Der Kommandeur muss blitzschnell zwei Fragen beantworten: Liegt eine grundlegende Lageänderung vor, die ein Abweichen vom bisherigen Auftrag erzwingt? Oder besteht ein Handlungsbedarf, der durch eine sofortige Anpassung bereinigt werden muss?

In meinen Notizen glüht der Stift: Feindstärken von mechanisierten Regimentern mit T-80 und BMP-3 müssen in Sekunden gegen eigene Kräfte abgewogen werden. 10 bis 40 Minuten Vorwarnzeit – mehr bleibt oft nicht, bevor der Einbruch zur kritischen Situation für das  gesamte BPzGrenBtl und ggf. bei Nichterfüllung der wesentlichen Leistung sich zu einer  Krise für die übergeordnete Führung auswächst.

Leitsätze, die sich einbrennen

In dieser Phase bewähren sich die goldenen Leitsätze der Verteidigung, die uns die Ausbilder mit Nachdruck vermitteln:

  • „Nicht am VRV kleben!“ Der Vordere Rand der Verteidigung ist keine starre Linie. Wer sich festkrallt, wird zerschlagen.
  • „PzTrn lieben den Hinterhang!“ Gedeckte Aufstellung, überraschendes Flankenfeuer und das Ausnutzen des Geländes sind wirksamer als frontales Halten.
  • „Reserven sind keine Konserven – sie sind rechtzeitig einzusetzen!“

Genau hier fällt die Entscheidung: Setzen wir die Reserve zum Auffangen ein, oder schlagen wir im Gegenangriff (CATK) nach dem Prinzip „Hammer und Amboss“ in die ungeschützte Flanke des vorgeprellten Feindes? Jeder Entschluss ist ein Ringen um die Initiative. Wer zögert, wird geführt; wer handelt, zwingt dem Gegner seinen Willen auf. Was ist die wesentliche Leistung, die wir aus den vorherigen Seminaren geschlossen haben? Welche Vorgehensweise ist die, die uns die Wesentliche Leistung erfüllen lässt?

 

Sonntag: Der Funkspruch entscheidet – Befehlsgebung nach FNAKI

Am Sonntagmorgen um 08:15 Uhr treten die Lehrgangsteilnehmer erneut als Bataillonskommandeur vor den Brigadekommandeur zum LVU an. Doch die eigentliche Feuertaufe folgt direkt im Anschluss: die mündliche Befehlsgebung unter Gefechtsbedingungen.

In der laufenden Operation gibt es keine mehrseitigen schriftlichen Operationsbefehle. Es gilt das Merkwort FNAKI:

  • F – Feind (aktuelle Lage und Absicht)
  • N – Nachbarn (Lage links und rechts)
  • A – Eigene Absicht (der klare Entschluss!)
  • K – Kampfaufträge an die Kompanien
  • I – Ich (eigener Standort des Kommandeurs)

Kurz, unmissverständlich, präzise über Funk abgesetzt. Vor der Gruppe diesen Befehl fehlerfrei, ruhig und mit Führungsanspruch zu formulieren, während die Lagekarte hinter einem brennt, fordert jeden Einzelnen. Hier trennt sich theoretisches Wissen von praktischer Führungskompetenz.

Gegen 11:00 Uhr endet der Lehrgang mit der Schlussbesprechung und der Aushändigung des Lehrgangsnachweises durch Oberstleutnant a.D. Baumer und Oberstleutnant a.D. Bettendorf.

Fazit: Gewappnet für das Gefecht von heute

Als ich am Sonntagmittag die Heimreise nach Zürich antrete, ist der Kopf voll von taktischen Lagen, Ausweichstellungen und Funkmeldeschemata.

Das Aufbauseminar III hat die Brücke geschlagen: von der Methodik des Planens zur Härte der Umsetzung. Es hat gezeigt, dass moderne Landes- und Bündnisverteidigung im NATO-Rahmen absolute geistige Beweglichkeit, mathematische Nüchternheit und Entschlusskraft erfordert. Die Thematik ist verfestigt, die Klarheit in den Gedanken gefestigt.

Beim Blick zurück auf dieses Ausbildungsjahr wird einem jedoch noch etwas anderes bewusst: Mindestens 56 Stunden reine Lehrgangszeit im Hörsaal liegen nun hinter uns – vom Grundlagenseminar im Januar über das Aufbauseminar I im April bis zum Abschluss des Aufbauseminars III. Dazu kommen unzählige Stunden für intensive Vor- und Nachbereitung sowie tausende Kilometer Anreise quer durch die Bundesrepublik und über Grenzen hinweg.

Diese Zeit gibt einem niemand zurück. Die Fahrstrecken werden geringfügig entschädigt, in der Truppenküche gibt es Truppenverpflegung – doch der eigentliche, gewaltige Aufwand findet komplett ehrenamtlich neben Beruf, Familie und zivilem Alltag statt; ob von den Teilnehmern, wie auch von den Ausbildern. Warum tun wir uns das an? Weil echte Verteidigungsbereitschaft kein Lippenbekenntnis ist. Sie lebt von Menschen, die bereit sind, ihre freie Zeit in den Dienst unseres Landes zu stellen, um im Ernstfall führungsfähig zu sein.

Für mich persönlich war dieses Wochenende eine erneute Bestätigung meines Weges. Mein Leitsatz „Führen durch Wissen“ hat durch die dynamische Gefechtsführung ein weiteres, entscheidendes Fundament erhalten. Wer später als Reserveoffizier Verantwortung für Mensch und Material tragen will, muss die Dynamik des Gefechtsfeldes im Innersten verstanden haben – und in der Lage sein, auch im größten Lärm klare Befehle zu geben.

Ich fühle mich gut vorbereitet auf den Abschluss der modularen Ausbildungsreihe; der SIRA-Durchgang im Ausbildungsstützpunkt SIRA in HAMMELBURG vom 16. – 23.04.2027.

In diesem Jahr und im I. Quartal werden durch den Verband der Reservisten / Arbeitskreis Taktik noch weitere Seminare angeboten; ab November 2026 auf der Homepage des Arbeitskreises Taktik, Taktik-Logistikkehrer.de, einsehbar.

Ein herzlicher Dank gilt erneut den engagierten Dozenten des Arbeitskreises Taktik- und Logistiklehrer für ein forderndes, lehrreiches und kameradschaftliches Wochenende!

                                                                                                                                       Fw d.R. Nikolaij Lankoff