Formulieren ist Denken: Was KI im Führungsprozess übernehmen darf

Drei Tage am Kartentisch – ein Quereinsteiger im Aufbauseminar Taktik

Ein Physiker und KI-Stratege aus der Industrie lernt als Reservist den taktischen Führungsprozess von Grund auf. Er findet ein Handwerk vor, das präziser geführt wird als fast jeder Geschäftsprozess, den er kennt. Und er nimmt eine klare Antwort auf die Frage mit, was eine Maschine daran übernehmen darf.

Kein Bauchgefühl, sondern Handwerk

Seit mehr als 25 Jahren treffe ich in der Industrie Entscheidungen unter Unsicherheit. Heute verantworte ich die KI-Strategie eines Spezialchemie-Unternehmens. Ich glaubte zu wissen, wie Lagebeurteilung und Entschluss funktionieren.

Im September 2026 saß ich drei Tage in Nienburg am Kartentisch: im Aufbauseminar Taktik I des Arbeitskreises der Taktik- und Logistiklehrer im Reservistenverband. Das Seminar richtet sich an Reserveoffiziere, Offizieranwärter und Unteroffiziere mit Portepee. Ich durfte als Quereinsteiger teilnehmen – eine Ausnahme, die ich als Vertrauensvorschuss verstanden habe.

Vorbereitet hatte ich mich mit der Fernaufgabe, dem Reibert und langen Listen von Abkürzungen und militärischen Symbolen.

Mit spürbarer Anspannung stehe ich dann vor der ausgebreiteten Lagekarte und versuche, die Überlegungen meiner Arbeitsgruppe geordnet vorzutragen. Der Taktiklehrer lässt mich kaum drei Sätze sprechen, bevor er beim Wortlaut einhakt: „‚Zeitlich begrenzt‘ ist ein Begriff aus der Verzögerung – wir verteidigen hier!“ In der Stille des Raumes korrigiere ich hastig die Formulierung auf meinem Spickzettel. In diesem Moment begreife ich, dass Taktik vor allem eine glasklare, unmissverständliche Sprache verlangt. Trotzdem verstolpere ich mich noch zweimal.

Was ich in diesen drei Tagen vorfand, hat mit Intuition wenig zu tun. Taktik auf Bataillonsebene ist ein arbeitsteiliges Handwerk: feste Abfolge, feste Sprache und eine Uhr, die immer gegen den Stab läuft.

Vom Auftrag zum Befehl

Am Anfang steht der Befehl der übergeordneten Führung. Der Stab nimmt ihn auseinander: Was ist die Absicht der höheren Führung? Was ist die wesentliche Leistung, die der eigene Verband dazu beitragen muss? Welche Auflagen gelten? Parallel entsteht der Zeitplan – rückwärts gerechnet von dem Zeitpunkt, zu dem die Truppe bereit sein muss.

Dann folgt die Beurteilung der Lage. Das Gelände wird in einem festen Dreischritt bearbeitet: ansprechen, beurteilen, folgern. Der Feind wird beurteilt, das eigene Leistungsvermögen erfasst, die Kräfte werden verglichen.

Eine Unterscheidung aus dieser Phase halte ich für besonders wichtig. Das Zählen von Stärken und Fähigkeiten sagt, was eine Kompanie hat. Der Einsatzwert sagt, was sie kann – und den beurteilt nur der Führer, der seine Truppe kennt.

Aus den Möglichkeiten des Feindes und den eigenen Möglichkeiten entsteht durch Abwägen der Entschluss. Er wird zum Befehl: Truppeneinteilung, Operationsplan, Einzelaufträge, mündliche Befehlsausgabe. Hinzu kommt die Abstimmung von Sperren, Feuer und Bewegung, der taktische Dreiklang.

Danach ist der Prozess nicht zu Ende. Der Gefechtsstand verfolgt die Lage, kontrolliert die Umsetzung und steuert nach. Ich habe während des Seminars mitgeschrieben – nicht die Lage, sondern den Prozess. Am Ende standen über 20 Tätigkeiten auf meiner Liste, vom Befehlsempfang bis zur Lageverfolgung.

Was den Unterschied macht

Drei Merkmale dieses Handwerks unterscheiden es von dem, was ich aus Unternehmen kenne.

  1. Sprache: Ein Befehl folgt einem festen Schema, jeder Begriff hat eine festgelegte Bedeutung. Ungenaue Formulierungen wurden im Seminar unerbittlich korrigiert. Das ist keine Bürokratie, sondern Schutz vor Missverständnissen, wenn es schnell gehen muss.
  2. Zeit: Sie ist die knappste Ressource des gesamten Prozesses. Ein Stab, der zu lange plant, nimmt der Truppe die Zeit zur Vorbereitung. Deshalb wird mit Zeitplan gearbeitet und nicht bis zur perfekten Lösung.
  3. Verantwortung: Der Stab arbeitet zu, den Entschluss fasst einer. Und weil nach Auftragstaktik geführt wird, muss jeder Führer die Absicht der übergeordneten Führung so verstanden haben, dass er selbstständig in ihrem Sinne handeln kann.

In der Industrie habe ich kaum einen Geschäftsprozess gesehen, der so klar strukturiert, sprachlich so diszipliniert und so gut dokumentiert ist.

Und die Künstliche Intelligenz?

Als KI-Praktiker habe ich meine ca. 25 Tätigkeiten anschließend sortiert. Sie zerfallen in zwei Arbeitsformen, und die Trennlinie verläuft quer durch den Prozess.

Die erste Form ist Erfassen, Rechnen und Formulieren nach Schema: Zeitplan, Stärkeübersichten, Kräftevergleich, Befehlsentwürfe, Meldungen. Hier kann Technik den Stab entlasten. Vieles davon braucht kein Sprachmodell, sondern geprüfte Rechenwerkzeuge, deren Ergebnis der Führer nachrechnen kann.

Die zweite Form ist Urteilen, Entscheiden und Führen: den Auftrag verstehen, den Einsatzwert der Truppe bewerten, den Entschluss fassen, den Befehl vor den Unterführern ausgeben. Das gehört nicht in die Hand einer Maschine. Nicht weil die Technik zu schlecht wäre, sondern weil hier die Verantwortung sitzt.

Eine Einsicht kam mir erst beim eigenen Üben: Formulieren ist Denken. Wer die Beurteilung der Lage nicht selbst in Worte fasst, hat sie nicht durchdrungen. Ein Assistent, der dem Führer diese Arbeit abnimmt, entlastet ihn nicht, er schwächt ihn.

Dazu kommt eine praktische Grenze. Im Gefecht ist das Netz gestört oder weg. Wer Assistenzsysteme einführt, muss das Arbeiten ohne sie weiter üben – so wie neben dem Navigationsgerät weiter mit Karte und Kompass ausgebildet wird.

Was ich mitnehme

Ich bin nach Nienburg gefahren, um den Führungsprozess zu lernen und im Gegenzug die Sicht eines KI-Praktikers anzubieten. Zurückgekommen bin ich mit Respekt vor einem Handwerk, das man nur durch Üben beherrscht.

Und mit einer Beobachtung, die über die Truppe hinausreicht. In Unternehmen wird viel über KI gesprochen, ohne dass genau beschrieben wäre, welche Arbeit eigentlich getan wird. Die Truppe hat diese Beschreibung längst. Wer so genau weiß, was er tut, kann auch entscheiden, was er abgibt – und was Sache des Führers bleibt.

Kameradinnen und Kameraden, die führen wollen, kann ich die Seminare des Arbeitskreises Taktik nur empfehlen. Für mich steht als Nächstes das Grundlagenseminar an.


Zum Autor: Dr. Harry Zumaqué ist promovierter Physiker und verantwortet bei einem deutschen Spezialchemie-Unternehmen die KI-Strategie und die Neugeschäftsentwicklung. Er ist Reservist der Bundeswehr. Der Beitrag gibt ausschließlich seine persönliche Auffassung wieder.

Dank: Der Autor dankt dem Arbeitskreis der Taktik- und Logistiklehrer im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. für die Aufnahme in das Aufbauseminar Taktik I sowie Oberstleutnant a. D. Hendrik Guttau für die fachliche Begleitung. Der Beitrag stützt sich ausschließlich auf eigene, nicht eingestufte Aufzeichnungen; Inhalte der Seminarunterlagen werden nicht wiedergegeben.