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Ein Lehrgang an der Sanitätsakademie für Reservisten
München, 15. März 2026. 30 Reservisten aus dem gesamten Bundesgebiet haben einen Taktik-Lehrgang an der Sanitätsakademie der Bundeswehr absolviert. Der Reservistenverband hat dieses Seminar mit theoretischen Anteilen (militärische Symbole und Führung im Einsatz) sowie praktischen Übungen realisiert. Einhelliges Feedback der Teilnehmer: „Wir haben sehr viel gelernt.“
Eine fiktive Übungslage – ein Krieg zweier Staaten, die geografisch in tatsächlichen Begebenheiten verortet sind, um auf realen Karten zu arbeiten – diente dabei als Ausgangsbasis. Lage: Eigene Kräfte versuchen zwei Wochen lang, einen Angriff der Gegenseite abzuwehren. Es gelingt, den Angriff zum Stehen zu bringen. Zwei mechanisierte Infanteriebrigaden halten die Stellungen. Der übergeordnete Befehlshaber der NATO beabsichtigt, die Hauptkräfte der gegnerischen Armee zu zerschlagen und durch den Angriff der eigenen Kräfte (also der Bundeswehr) den Status quo wiederherzustellen.

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Eine Panzergrenadier-Division des Deutschen Heeres ist in dem fiktiven Szenario der NATO unterstellt, um den Einsatz verschiedener Truppenkontingente zu unterstützen. Aufgabe der Lehrgangsteilnehmer ist es nun, von den drei Gefechtsphasen die Phase 2 „Verteidigung“ im Rahmen einer der zwei deutschen Brigaden zu unterstützen und für ein unterstelltes Bataillon Kräfte laut Befehlsgebung auszuplanen.
Vorab erhielten die Reservisten umfangreiches Material, um Symbole, Führungslinien, Stabsorganisation, Führungseinrichtungen und Gefechtsorganisation sowie taktische Aufträge in der Übungslage besser zu verstehen. Nach einer Einführung in die Aufstellung gegnerischer Kräfte – Ausbilder Oberstleutnant Martin Müller, Taktikausbilder der Sanitätsakademie, zog hierzu die Organisation der russischen Streitkräfte heran – lernten die Teilnehmer, den Gefechtsbefehl der Brigade sowie der Bataillone richtig zu lesen und ihre eigenen Aufträge zu verstehen und umzusetzen. Im Fall der Reservisten war dies der Auftrag für das verstärkte Panzergrenadierbataillon 612. Hierzu gehörte auch, den wesentlichen eignen Beitrag zu erkennen: das Auffangen der gegnerischen mechanisierten Brigade im Zuge einer vorgegebenen Linie.

Oberstleutnant a.D. Manfred Bettendorf lehrte hierzu außerdem die grundsätzlichen Grundlagen des Führungsprozesses. Hierzu gehören Entscheidungsfindung, Planung der Befehlsgebung sowie der zielgerichtete Einsatz von Kräften und Mitteln auch unter Zeitdruck und bei rasch wechselnden Lagen. Mit ihrer großen Expertise aus zahlreichen Verwendungen und Einsatzerfahrungen erwiesen sich die beiden Oberstleutnante durchgehend als ausgewiesene Kenner der Materie, von der die Teilnehmer in hohem Maße profitiert haben, wie sie im Feedback zum Schluss bestätigt haben. Teilnehmer Oberstleutnant Michael Schmidt (Name von der Redaktion geändert), beordert in einer Division des Deutschen Heeres, hat von dem Seminar erwartet, dass er sein grundlegendes Handwerkszeug auffrischen kann: Lernen militärischer Begrifflichkeiten, Kommunikation und Ausdrucksweisen, außerdem wollte er sein militärisch-taktisches Denken in Form des „Entscheidungsprozesses Landstreitkräfte“ vertiefen. Darüber hinaus erwartete er einen Ideen- und Erfahrungsaustausch mit Kameraden.

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„Alle Erwartungen wurden erfüllt“, sagt der Artillerist. Er habe vermittelte Inhalte festigen können und beherrschen gelernt, um den Auftrag als Reservist beim Beorderungstruppenteil bestmöglich erfüllen zu können. Es sei gelungen, eigene Fähigkeiten zur Einschätzung militärischer Lagen auszuprägen. „Als Reservist möchte ich durch Engagement und Wissensaufbau der aktiven Truppe als bestmögliche Unterstützung zur Verfügung stehen“, resümiert er.

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Dass nicht nur das Heer von dem Lehrgang profitiert hat, beweist das folgende Statement von Hauptmann Gregor Spät (Name von der Redaktion geändert): „Auch wenn mir als ausgebildeter Luftwaffensicherer die Strukturen und Einsatzgrundsätze einer Panzergrenadierbrigade nicht vertraut sind, so gilt der zu Grunde liegende Führungsprozess auch in meiner derzeitigen Verwendung in einer Heimatschutzkompanie. Daher war es für mich interessant, den in drei Tagen geübten Bereich der Entscheidungsfindung anhand einer mir unbekannten Gliederung durchzuexerzieren und damit die eigenen Kenntnisse aufzufrischen, um diese während der kommenden Übungsvorhaben direkt anzuwenden.“
Aktuell gibt es einen Bedeutungszuwachs von Taktik im modernen Militär – diesem hat der Lehrgang in seiner Ausrichtung und Durchführung Rechnung getragen. Zahlreiche Autoren beschäftigen sich in Büchern und Magazinen mit diesem Thema, im europäischen wie US-amerikanischen Raum. Relevant sind aber auch Institutionen wie die RAND Corporation, das Center for Naval Analyses oder das U.S. Army War College mit ihren praxisnahen Analysen.
Auch wenn der russische Angriffskrieg auf die Ukraine keine Blaupause für nationale europäische Einsatzarmeen ist, hat er doch dazu beigetragen, dass sowohl technologische Entwicklungen als auch die damit verbundenen schnellen Lageänderungen Einzug in das Bearbeiten der Doktrinen nationaler europäischer Armeen gehalten haben, wie Oberstleutnant Müller bestätigt. „Die Kriegsführung in der Ukraine ist jedoch nicht beispielhaft für das Entstehen neuer Einsatzgrundsätze für die Bundeswehr“, erklärt er.

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Diese würden derzeit durch das Heeresamt und das Kommando Heer neu erarbeitet, gelten sie doch als Grundlage für Ausbildung und Übung und nehmen damit einen wichtigen Stellenwert in der Bundeswehr ein. Herausfordernd gestaltet sich jedoch diese Aufgabe aufgrund der Vielzahl an weltweiten Konflikten und der Schnelligkeit von Entwicklungen. Dass hierbei kriegerische Auseinandersetzungen überall auf der Welt miteinfließen, zeigt die jüngste vertiefte Zusammenarbeit zwischen Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding mit dem Kommandeur der israelischen Bodentruppen Nadav Lotan. Ziel: Erfahrungsaustausch über Einsatzrichtlinien, Weiterentwicklung und Lernen aus aktuellen Konflikten, für Deutschland insbesondere Gaza-Krieg. Auch gemeinsame Übungen sind geplant. Es ist laut Oberstleutnant Müller wichtig, sich trotz des Wandels mit den Einsatzgrundsätzen zu beschäftigen, denn sie bildeten die Grundlage für alle künftigen Entwicklungen.
Die Relevanz, Einsatzgrundsätze zu überdenken, resultiert aus der Notwendigkeit dezentraler Führung (Auftragstaktik) zur Steigerung der Resilienz. Angesichts komplexer Bedrohungen, hybrider Kriegsführung und verbundener Waffen ist die Fähigkeit zu schnellem, lokalem Handeln entscheidend, um die Initiative zu behalten. Taktik umfasst dabei alle Führungsebenen und das Zusammenwirken von Kräften. „Zusammenfassend lässt sich sagen“, erklärt OTL Bettendorf am Schluss, „dass taktische Flexibilität und eigenverantwortliches Handeln, also Auftragstaktik, wesentliche Faktoren für den Erfolg moderner militärischer Operationen sind, und um unseren Beitrag zur Ausbildung ernst zu nehmen, legen wir im Reservistenverband einen besonderen Stellenwert auf diese Taktik-Fortbildung.“
Text und Fotos: Christiane Rodenbücher
