Die Taktiker der Landesgruppe Niedersachsen haben sich am 27. und 28. Februar 2026 zur ersten taktischen Weiterbildung in diesem Jahr auf dem Fliegerhorst in Wunstorf getroffen. Unter der Leitung von Taktiklehrer Oberst d. R. Biester, und mit organisatorischer Unterstützung durch Oberstleutnant d. R. Pratje, konnten die 16 Teilnehmer diesmal ihr Wissen zum Thema Geländebeurteilung vertiefen. Die Beurteilung von Geofaktoren und anderen Umwelteinflüssen sind ein wesentlicher Bestandteil der militärischen Entscheidungsfindung.
Am Freitag wurden die Teilnehmer jedoch erst einmal durch OStFw Fentje vom VersgBtl 141 in das Führungsinformationssystem SitaWare eingeführt. SitaWare ist eine interoperable C4ISR- und Battle-Management-Software-Suite (Führung, Kontrolle, Kommunikation, Computersysteme, Nachrichtenwesen, Überwachung und Aufklärung), die von Militärorganisationen zur Erstellung von Lagebildern sowie zur Planung, Durchführung und Koordination von Operationen eingesetzt wird. SitaWare ermöglicht ein gemeinsames Lagebild (JCOP = Joint Common Operational Picture) in Echtzeit auf allen Führungsebenen und gewährleistet Interoperabilität mit NATO-Partnern und multinationalen Einheiten. Dank ihrer offenen, skalierbaren Architektur kann sie unkompliziert erweitert und verschiedene Systeme integriert werden. SitaWare kommt in sämtlichen Domänen zum Einsatz, darunter Land, Luft, See, Cyber, Information und Weltraum.
Die zentralen Module der SitaWare-Suite umfassen verschiedene spezialisierte Komponenten: „SitaWare Headquarters“ dient als Führungsinformationssystem für Stäbe, Planung und Operationsführung; „SitaWare Frontline“ unterstützt das Battle-Management für Fahrzeuge und Gefechtsstände; „SitaWare Edge“ liefert Situational Awareness für bodengebundene Kräfte; „SitaWare Maritime“ bietet C4ISR-Funktionalitäten für maritime Einsätze und „SitaWare Insight“ nutzt KI-gestützte Aufklärung, Datenfusion und Intelligence-Management. Für militärische Anwendungen ist SitaWare relevant aufgrund ihrer Interoperabilität, die für NATO-Einsätze essenziell ist. Die Skalierbarkeit reicht von einzelnen abgesessenen Einheiten bis zu Joint Headquarters, und ihre Multidomain-Fähigkeit garantiert einen einsatzbereiten Betrieb in Land-, Luft-, See-, Cyber- und Space-Domänen.
Am Samstag ging es sodann in das eigentliche Thema der Geländebeurteilung aus Sicht von Rot im Angriff sowie Blau in der Verteidigung im Raum KRANICHBORN im Süden und SCHALLENBURG im Norden. Unter Verwendung von Kartenausschnitten und einem Geländeschnitt sowie der Anwendung von GoogleMaps konnten wertvolle Erkenntnisse über den Operationsraum gewonnen werden. Die Beurteilung des Geländes liefert Erkenntnisse darüber, welche Möglichkeiten es eigenen und feindlichen Kräften für Bewegung, Beobachtung, den Einsatz von Waffen und Gerät sowie für Einrichtungen bietet. Daher muss der militärische Führer vor Ort auch immer das Gelände aus Sicht des Feindes mitlesen und beurteilen.
Bei der Geländebeurteilung kommen die grundsätzlichen Fragestellungen der Geländeerkundung „Wo sehe ich was?“, „Wo kann ich wie wirken?“, „Wo bewege ich mich gedeckt?“, „Wo ist das Schlüsselgelände?“, „Wo ist Totraum?“ und „Wo entscheidet das Gelände?“ zum Tragen, denn Blau und Rot prüfen für sich: Wie kann ich das Gelände für meinen Auftrag in Bezug auf die Absicht der übergeordneten Führung zur Auftragserfüllung erfolgreich ausnutzen?
Gelände im taktischen Denken
Gelände prägt jede taktische Entscheidung. Es bestimmt, wo Kräfte gesehen, geführt, geschützt oder wirksam eingesetzt werden können. Wer das Gelände richtig beurteilt, kann eigene Stärken verstärken, gegnerische Vorteile brechen und den Verlauf eines Gefechts maßgeblich beeinflussen. Dabei spielen mehrere zentrale Begriffe eine Rolle, die das Verhältnis zwischen Gelände, Kräften und Absicht beschreiben.
Schlüsselgelände ist ein Geländeteil, dessen Besitz für den Erfolg der eigenen Absicht entscheidend ist. Wer Schlüsselgelände hält, kann das Gefechtsfeld strukturieren, gegnerische Bewegungen lenken und eigene Kräfte wirksam einsetzen. Die Identifikation von Schlüsselgelände ist daher ein Kernschritt der taktischen Beurteilung.
Toträume entstehen dort, wo Geländeformen oder Hindernisse die Sicht oder Wirkung einschränken. Senken, Böschungen, Waldkanten oder Bebauung können Bereiche verbergen, die von einer Stellung aus nicht eingesehen oder bekämpft werden können. Für den Gegner bieten Toträume verdeckte Annäherungswege; für eigene Kräfte stellen sie Sicherungslücken dar. Gleichzeitig können Toträume bewusst genutzt werden, um Bewegungen zu tarnen oder Kräfte geschützt zu verlegen.
Die Wirkung eigener und gegnerischer Waffen hängt stark vom Gelände ab. Offene Flächen begünstigen lange Wirkungsstrecken und klare Schussfelder, während Wald, Bebauung oder Geländekanten die Wirkung begrenzen oder kanalisieren. Höhenlagen ermöglichen überhöhte Wirkung, während Senken und Mulden Schutz bieten. Eine gute taktische Einschätzung der Waffenwirkung entscheidet darüber, wo Stellungen sinnvoll sind, welche Räume beherrscht werden und wo zusätzliche Sicherungsmaßnahmen notwendig werden.
Gelände beeinflusst, wo ein Schwerpunkt sinnvoll gesetzt werden kann: Engen, Übergänge oder Geländekanten eignen sich, um Kräfte zu bündeln und den Gegner zu zwingen, in den eigenen Wirkungsbereich einzulaufen. Gleichzeitig muss der Schwerpunkt so gewählt werden, dass er durch Gelände gedeckt, unterstützt und versorgt werden kann. Eine falsche Schwerpunktwahl führt zu verstreuten Kräften und geringer Wirkung.
Zu guter Letzt nutzt Täuschung das Gelände, um Absichten zu verbergen, Kräfte zu verschleiern oder den Gegner zu Fehlentscheidungen zu verleiten. Wald, Senken, Bebauung oder künstliche Hindernisse ermöglichen verdeckte Bewegungen, Scheinansätze oder das Verbergen von Kräften. Täuschung wirkt besonders dann, wenn sie glaubwürdig ist und durch das Gelände unterstützt wird: ein scheinbar günstiger Weg, eine auffällige Stellung oder eine bewusst erzeugte Lücke kann den Gegner in eine gewünschte Richtung lenken.
Schlüsselgelände, Toträume, Schwerpunkt, Waffenwirkung und Täuschung wirken im Verbund. Das Schlüsselgelände bestimmt, wo der Gegner gebunden oder geschlagen werden muss. Toträume zeigen, wo Risiken liegen oder verdeckte Annäherung möglich ist. Die Waffenwirkung definiert, welche Räume beherrscht werden können, und der Schwerpunkt bündelt Kräfte dort, wo Gelände und Absicht zusammenpassen. Die Täuschung nutzt Gelände, um den Gegner zu falschen Entscheidungen zu verleiten.
Oberst d. R. Biester fasst zum Schluss noch einmal zusammen: „Der militärische Führer, der diese Elemente im Gelände erkennt und miteinander verbindet, kann das Gefecht aktiv gestalten und die Initiative behalten oder gewinnen.“
Das Fazit der ersten Weiterbildung in diesem Jahr lautete auch diesmal wieder: „Taktik macht Spaß“!
Axel Rehwinkel, KL d. R.
